Praktikum Franziskushof

Unbenannt

Praktikum auf dem Franziskushof bei Zehdenick

von Andree Hübner


Unser Leben auf dem Hof

Der erste Tag

Als wir am 9. Januar mit der Regionalbahn nach Zehdenick aufbrachen, waren wir noch sehr gespannt, was uns denn in unserer Praktikumszeit erwarten wird. Am Bahnhof in Zehdenick wurden wir dann schon positiv überrascht, weil uns Lothar, ein Bewohner des Hofes, mit einem Kleintransporter abholte und wir somit nicht den langen und an diesem Tage bestimmt auch kalten Fußweg bis zum Franziskushof bewältigen mussten.unsere Hütte

Am Hof angekommen wurden wir dann freundlich von dem so genannten "Hausmeister" Jakobus empfangen, der uns gleich in unsere Hütte führte und uns ein paar lustige Geschichten aus seinem Leben erzählte. Dann wurden wir in das Büro von Bruder Thaddäus gebracht, der uns dann auch noch freundlich begrüßte und uns unsere Arbeit nach dem Mittagessen mitteilte. Also schauten wir uns erstmal auf dem Hof um, gingen zum "Engel des Unsere Hütte Herrn" (Gebet), anschließend zum Mittagessen und halfen dann erstmal beim Abwaschen. Nach dem Mittagessen ist auf dem ganzen Hof eine fast zweistündige Mittagspause, das heißt, wir konnten uns immer noch nicht mit unserer Arbeitskraft einbringen. Aber danach war es schließlich soweit und wir bekamen unsere ersten Aufgaben. Thomas und Cristian mussten Marmeladengläser putzen und für den Verkauf fertig machen, während Lukas und ich für das Restaurant in der Momsenstraße Kartoffeln schälen sollten. Das Problem war, dass wir das noch nie zuvor gemacht hatten und anfangs auch dementsprechend langsam waren. Mit der Zeit ging es aber und der Küchenchef Günter war auch für den ersten Tag sehr zufrieden mit uns. Vor dem Abendbrot besuchten wir dann noch die Vesper (Gebet) und waren am Abend schon sehr von unserem ersten Arbeitstag mitgenommen und wollten und es uns gar nicht ausmalen, wie denn die anderen Tage sein werden.

Der "normale" Tagesablauf

6:30 Uhr aufstehen
7:00 Uhr Laudes/Morgenlob
7:15 Uhr Frühstück
8:00 -12:00 Uhr Arbeitszeit
12:00 Uhr Engel des Herrn (Mittagsgebet)
12:15 Uhr Mittagessen
12:30 - 14:00 Uhr Mittagspause
14:00 - 18:00 Uhr Arbeitszeit
dazwischen 15:00 Uhr Kaffee- und Kuchenpause
18:30 Uhr Vesper (Abendgebet)
18:45 Uhr Abendbrot
danach Freizeit
Cristian beim Kartoffelschälen

Unsere Aufgaben

Gleich am zweiten Tag bekamen wir unsere ersten bäuerlichen Aufgaben. Nachdem wir morgens alte Pappkartons zerrissen und zur Verheizung bereitgestellt haben, drückte uns der Zweitchef Ralf Arbeitshandschuhe in die Hand und teilte uns mit, dass es einen zur Ausmistung bereitstehenden Hühnerstall gäbe. Anfangs fanden wir diese Aufgabe noch recht interessant und kleideten uns voller Tatendrang mit bäuerlicher Bekleidung ein.

Lukas, Cristian, und ich im Stall

Doch nach einer Weile bemerkten wir, dass das Ausmisten eines Hühnerstalles doch nicht zu unseren primären Berufswünschen zählt. Der Geruch und die Standfestigkeit in Hühner-Exkrementen waren doch sehr gewöhungsbedürftig. Hinzu kam noch, dass wir diese körperliche Arbeit nicht gewohnt waren und unsere Muskeln alsbald schmerzten. Trotzdem waren wir stolz und zufrieden mit uns, als wir am Ende des Tages einen völlig leeren und für die Neueinnistung fertigen Stall sahen.

Allerdings wussten wir da noch nicht, dass wir am Nachmittag des nächsten Tages, nachdem wir zuvor wieder für die Beheizung des Haupthauses zuständig waren, noch einen weiteren Stall ausmisten mussten. Da wir uns mittlerweile alle durch die sehr niedrigen Temperaturen erkältet hatten und sowieso noch vom Vortag gekennzeichnet waren, fiel uns diese Arbeit besonders schwer und Rückenschmerzen machten sich breit. Zum Glück wurden wir den Rest der ersten Woche dann geschont und mussten nur noch ein paar Hühner, die gerade auf dem Hof angekommen waren, in ihr zukünftiges Gehege setzen, was für uns auch eine ganz neue Erfahrung darstellte. Des Weiteren kamen wir in den "Genuss", bei einer Hühnerschlachtung zu zusehen. Mit besonderem Interesse verfolgten wir die Bewegungen der kopflosen Hühner nach ihrer Schlachtung und die Emotionslosigkeit der Schlächter…

Thomas, ich und Lukas in der Küche

Unsere zweite Woche auf dem Franziskushof verlief dann weniger spannend und abwechslungsreich. Wir waren eigentlich nur damit beschäftigt, Kartoffeln für Kartoffelsalat, für das Restaurant in der Mommsenstraße und für den Eigengebrauch in Form von Salz- und Pellkartoffeln zu schälen. Mit der Zeit haben wir alle eine eigene Technik entwickelt und anfängliche Schwierigkeiten waren völlig beseitigt. Diese relativ entspannende Arbeit kam uns sehr entgegen, da wir alle noch ein wenig erkältet waren und die Arbeit im Freien doch ein bisschen anstrengender als die in der beheizten Hausküche war.

In der dritten Woche haben wir eigentlich überall geholfen, wo gerade Not am Mann war. Wir streuten die Wege, weil es mittlerweile erschreckend kalt und eisig geworden war, füllten Milch ab, machten die Flaschen verkaufsbereit und halfen beim Entleeren der Lieferwagen, die den Hof mit frischen Nahrungsmitteln versorgten. Besonders im Gedächtnis bleibt mir eine Arbeit in dieser Woche, die mich an die Grenze meiner psychischen Belastbarkeit brachte. Bruder Thaddäus gab uns grinsend die Aufgabe, einen völlig verstaubten und mit kaputten Trockenblumen nur so überfluteten Dachboden auszuräumen und begehbar zu machen. Da bei jeder kleinsten Bewegung eine riesige Staubwolke aufgewühlt wurde, atmeten wir diese ein und mussten ständig husten. Desweiteren habe ich bis heute den Sinn dieser Aufgabe nicht verstanden, da wir mehr Chaos machten als wir beseitigten….

Zusätzlich zu unseren Hofarbeiten mussten wir zweimal die Woche den Abwasch für das Mittagessen und das Abendbrot des ganzen Hofes übernehmen, wie es auch die restlichen Hofbewohner taten.

Die Bewohner des Hofes

Schon am ersten Tag wurden wir von den Bewohnern freundlich begrüßt und viele suchten den Kontakt zu uns, was uns natürlich sehr freute. Wir wurden bei unseren Arbeiten unterstützt und konnten uns so mit den Leuten auf dem Hof unterhalten. So erzählte uns zum Beispiel Jakobus, der sch selbst als Hausmeister des Hofes bezeichnet, dass er eine Pilgerreise nach Israel mit dem Fahrrad gemacht hatte, gläubig aber nicht religiös sei und Jesus Christus mit 32 Jahren getroffen hat. Davor hatte er mit Ziellosigkeit und Drogen in seinem Leben zu kämpfen, aber die Begegnung mit Jesus hat seinem Leben einen ganz neuen Sinn gegeben und es änderte sich schlagartig.

Kaffeepause

Ein anderer Bewohner spielte fast jeden Abend mit uns Dart und nannte uns liebevoll seine Söhne. Er saß beim Essen immer neben uns und war auch immer stets freundlich. Leider wollte er uns nichts aus seinem früheren Leben erzählen und erlaubte uns auch nicht, ihn zu fotografieren.

Misha, ein weiterer Bewohner, war da offener und erzählte uns, dass er früher spiel- und drogensüchtig war und deswegen eine Entziehungskur im Krankenhaus machen musste. Von dort aus kontaktierte er den Franziskushof und wohnt seither dort. Zu uns war er auch immer stets aufgeschlossen und half uns sogar manchmal bei der Arbeit. Es gab auf dem Hof aber auch Menschen wie Eberhard, die sich von den anderen ein bisschen abgrenzen und wenig mit dem Gemeinschaftsleben zu tun haben wollen. Zu uns war er aber auch immer nett und brachte uns auch zweimal zum Bahnhof in Zehdenick. Er erzählte uns, dass er eigentlich Kaufmann war und nur durch eine Scheidung plötzlich mittellos wurde. Eigentlich wollte er nur zwei Wochen auf dem Franziskushof untertauchen und dann weiterhin ein ganz normales Leben führen. Doch nun lebt er schon seit mehr als neun Jahre auf dem Hof und möchte dort auch seinen Lebensabend verbringen.

Mit dem Großteil der Bewohner hatten wir allerdings nicht so viel Kontakt. Sie waren aber auch immer nett und freundlich zu uns…

Nachwort

Insgesamt bin ich sehr positiv von dem Projekt Sozialpraktikum überrascht. Unser Leben auf dem Hof und das Eingliedern in eine Gemeinschaft von Menschen, mit denen ich sonst nicht so zu tun habe, war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Meine anfänglichen Zweifel wurden schnell beseitigt und ich habe auf dem Hof mehr als nur Kartoffelschälen gelernt. Erstaunlich war auch, wie schnell das Schicksal einen selbst treffen und man plötzlich arbeits-, obdach- und perspektivlos sein kann.


Andree Hübner Februar 2006