Frau Winkelmann - Jahrgang 1928, Reinickendorferin, geboren als Halbjüdin, Autorin, Bundesverdienstkreuzträgerin - besuchte die Klasse 10m im Januar. Dank der Elterninitiative war dieses außergewöhnliche Treffen möglich geworden. Viele Fragen, viele Antworten und eine eindringliche Botschaft.
Am Dienstag, den 13.01.2026, hatten wir, die Klasse 10m, die einmalige Gelegenheit, mit Ruth Winkelmann, einer Holocaust-Überlebenden, über ihre Lebensgeschichte zu sprechen und ihr Fragen bezüglich desThemas zu stellen.
Zum Anfang stellte sich Ruth Winkelmann uns kurz vor. Sie wurde 1928 als Halbjüdin geboren und wuchs mit ihrer Familie in Hohen Neuendorf auf. Bis zur Schließung aller jüdischer Schulen im Jahr 1939 besuchte sie eine jüdische Mädchenschule, in welcher sie auch die Reichspogromnacht am 10.11.1935 durchstand. Sie berichtete uns, wie sie die Zerstörung jüdischer Geschäfte und Synagogen miterlebte und von der Entrechtung jüdischer Menschen erfuhr.
Durch das jüdische Schulverbot musste sie bereits im Alter von 13 Jahren 12 Stunden täglich und 6-Mal die Woche in einer Uniformfabrik arbeiten, was für uns alle unvorstellbar klingt. Ihr Vater wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und kam dort ums Leben. Nur mit großem Glück, so erzählte sie uns, konnte sie 1943 einer Deportation aufgrund eines fehlenden Judensterns entgehen. Daraufhin beschloss ihre Mutter, in einer kalten Laube eines Freundes, namens Herr Lindenberg, in Wittenau unterzutauchen. Ihre jüngere Schwester verstarb kurz vor Kriegsende im Alter von 8 Jahren. Das Ende des Krieges überlebte Ruth in einem Bunker in Wittenau. Sie erklärte uns, welches Glück ihr und ihrer Mutter dadurch widerfahren war, da Juden anhand ihres Ausweises identifiziert wurden und ihnen der Zutritt zu einem Bunker untersagt gewesen wäre.
„Wir sind frei!“, so zitierte sie ihre damaligen ersten Worte nach der Übernahme durch russische Truppen. Für die meisten Anwesenden war diese Freude über die russische Besetzung nicht verständlich, für sie war es jedoch eine Befreiung aus der schrecklichen Zeit. Ihre Freude über die gewonnene Freiheit war für uns noch heute spürbar.
Des Weiteren beschrieb sie, wie schwer es ihr bis zum Jahr 2002 fiel, über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen. Bis heute bedauert sie, nur 4,5 Jahre Grundschulzeit erlebt zu haben, wodurch sie Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung hatte, jedoch trotzdem begann, ihre Geschichte aufzuschreiben. In ihrem Buch „Plötzlich hieß ich Sara“ beschreibt sie detailreich ihre Erinnerungen an die Jahre 1933 bis 1945. Es ist ihr wichtig, den Menschen von ihren Erlebnissen zu berichten. Auf die Frage, wie ihre Sicht auf heutige Situationen ist, antwortete sie, dass jeder Mensch das Recht auf Freiheit, Respekt der eigenen Person und Demokratie hat – „Keiner hat das Recht, einen Menschen grundlos einzusperren!“.
Zudem spielte ihr Glaube in ihrem gesamten Leben immer eine sehr große Rolle und gab ihr Kraft und Mut in der schweren Zeit. Aus Dank zu Herrn Lindenberg, der ihr das Überleben geschenkt hat, wechselte sie zum evangelischen Glauben. Sie ist bis heute sehr stark gläubig und dankbar für ihren Glauben.
Ihre Lebensgeschichte hat uns alle sehr berührt und wir bedanken uns ganz herzlich bei Frau Winkelmann für ihre Zeit und für ihr Interesse, uns Schülern ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Wir haben viel gelernt und daraus mitgenommen, unter anderem, wie wichtig Nachdenken, Hinterfragen, vielseitiges Informieren, eigene Meinungsbildung, Achtsamkeit und vor allem der Glaube an Hoffnung und Menschlichkeit für uns alle sind!
Für uns war es ein ganz besonderes Erlebnis, das wir nie wieder vergessen werden. Vielen Dank für diese Möglichkeit!
Benike und Valentina
