Traben für die Bildung

12.03.2002

Traben für die Bildung 

Schüler der Reinickendorfer Salvator-Schule machen Lobby-Arbeit in eigener Sache. Sie kämpfen gegen die Sparpolitik des Senats bei den Privatschulen. Greifen die Kürzungen, müssen Eltern das Doppelte zahlen

Als Reiterstaffel machen die Gymnasiasten der katholischen Salvator-Schule in Reinickendorf jetzt Lobbyarbeit in eigener Sache   Foto: Lengemann
Von Tanja Kotlorz

Dompteuse Jenny treibt 29 gelbe Rösser durch die Arena. Die Pferde rennen nervös um ihre Chefin herum. Irgendwann wird die Sache langweilig und Pferd Lukas bemerkt bockig: "Das sollen wir jetzt eine halbe Stunde so machen?!" Jenny, die 13-jährige Schülerin der katholischen Salvator-Schule in Reinickendorf, feuert unbeirrt ihre Vollblüter, die eigentlich ihre Klassenkameraden aus der 7b sind, an. "Ihr könnt doch auch mal so im Reißverschluss laufen", schlägt sie vor und ruft aufmunternd: "Hüh!". Irgendwie misslingt der Versuch.

Philipp, Lisa, Christopher, Rebecca, André und die anderen Schüler der 7b haben sichtlich Spaß bei der "Dressur". Doch die Reinickendorfer Gymnasiasten haben die gelben Pferdeköpfe nicht aus Jux gebastelt. Sie werden am heutigen Dienstag in der Einkaufsstraße Alt-Tegel vor C&A eine Reiterstaffel mimen, weil sie gerettet werden wollen. So wie die Polizeipferde, die Pferdenarr und Innenminister Otto Schily noch mal von der Schlachtbank wegführte. Leider scheint sich Herr Schily nicht so sehr für die Berliner Privatschulen zu interessieren. Die werden jetzt - wie zuvor die Pferde - vom rot-roten Senat bedroht. Sieben Prozent will die Landesregierung bei den Personalkosten für die katholischen, evangelischen und anderen freien Schulen kürzen. Bisher erstattet der Senat 97 Prozent der Personalkosten.

Was die geplante Sparmaßnahme für Schüler, Eltern und Lehrer an den freien Schulen bedeuten würde, erklärt Salvator-Schulleiterin Terezija Lauff: "Wenn die Kürzungen durchkommen, müssen wir das Schulgeld verdoppeln." Viele Eltern könnten es sich dann nicht mehr leisten, ihre Kinder zur Privatschule zu schicken. Statt monatlich 21 Euro müssten sie 42 Euro für einen Grundschüler zahlen. Ein Gymnasiast würde monatlich 82 Euro kosten. Die Salvator-Schule, nur noch eine Schule für Reiche, eine Eliteeinrichtung? Genau das will die Schulleiterin auf keinen Fall. Auch die Ordensschwestern vom Göttlichen Heiland, die 1947 die Schule gründeten, haben eine andere Mission im Sinn: Junge Menschen sollen lernen, anderen Menschen zu helfen und weltoffen zu sein. Deshalb müssen die Savatorianer in der elften Klasse ein dreiwöchiges Sozialpraktikum absolvieren.

Doch all das scheint den Senat nicht zu kümmern. Auch nicht, dass Eltern, die ihre Kinder zu Privatschulen schicken, als Steuerzahler auch die staatlichen Schulen unterstützen, also doppelt zahlen. Das Land Berlin spart sogar an jedem Privatschüler jährlich 2300 Euro, weil das Land faktisch nur 63 Prozent der Gesamtkosten der freien Schulen übernimmt.

Nackte Zahlen. Pferde können ängstlich die Nüstern blähen und mit den Hufen scharren. "Wäre ich ein Pferd, ich wäre gerettet." Mit dem Slogan machen die 1124 Salvatorianer jetzt mobil. Jeder Schüler hat ein schwarz-weiß Foto von sich machen lassen, darunter steht der Pferdespruch. Auf der Rückseite des Fotos schreiben gerade 32 Gymnasiasten der 9b, was ihnen auf der Seele brennt. Die Fotos sollen dem Bundestagspräsidenten und Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken, Wolfgang Thierse, überreicht werden. Benedict Fleischer richtet seinen Appell lieber gleich an den Kanzler: "Sehr geehrter Herr Schröder, ich persönlich finde es nicht okay, dass wir Schüler von den Schulen in freier Trägerschaft die Konsequenzen für das jetzige Finanzchaos zu tragen haben".

Deutlichere Worte findet Hans-Jürgen van Schewick, Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Berlin. In Wahrheit gehe es der Landesregierung und speziell Herrn Strieder gar nicht ums Sparen, sondern um Ideologie, schreibt van Schewick in einem Rundbrief, der am Sonntag auch von den Kirchenkanzeln verlesen wurde. "Entgegen dem Auftrag des Grundgesetzes sollen die Schulen in freier Trägerschaft als unliebsame Konkurrenten staatsmonopolistischer Bildungsangebote und als suspekte Erscheinung einer mündigen Zivilgesellschaft zurückgedrängt werden", heißt es in dem Brief. Die große Anziehungskraft der Privatschulen sei den Verfechtern staatlicher Erziehungsansprüche angesichts insgesamt zurückgehender Schülerzahlen offenkundig unerträglich.

In der Tat rennen Schüler der Salvator-Schule die Pforten ein. Schulleiterin Lauff hat drei Mal mehr Nachfragen als Angebote bei den Grundschulplätzen.

"Los Leute, setzt noch mal eure Pferde auf", ermuntert Deutschlehrerin Ina Ruthenberg die ermattete kleine Reiterstaffel der 7b. Jenny gibt ihren "Rössern" auch noch mal die Sporen: "Traben!". Und 29 Schüler traben für ihre Bildung.