Berlin
12.03.2002

Jeden Tag Proteste gegen Kürzungen der Schulzuschüsse

„Wäre ich ein Pferd, ich wäre gerettet“ - Schüler, Eltern und Lehrer der Privatschulen demonstrieren

Schulsenator Klaus Böger (SPD) avanciert diese Woche zum umstrittensten Amtsträger der rot-roten Koalition. Es wird kein Tag vergehen, an dem nicht Politiker, Lehrer, Schüler und ihre Eltern gegen die von ihm geplanten Einsparungen bei den freien Schulen protestieren. Der Widerstand ist groß, denn etliche Schulen in privater Trägerschaft müssen um ihre Existenz bangen, wenn es tatsächlich zu den geplanten Kürzungen der Personalzuschüsse von 97 auf 90 Prozent kommt. Zum Beispiel die Waldorfschulen, die keine großen Trägervereine wie die konfessionellen Schulen im Rücken haben und die Kürzungen durch Erhöhungen des Elternbeiträge auffangen müssten.

Anstatt zu sparen, sollten mehr freie Schulen gegründet werden, argumentieren die Betroffenen. Da ein Schüler an einer freien Schule die Stadt 2300 Euro weniger kostet als ein Kind auf einer staatlichen Schule, spare Berlin schon jetzt bei 16 500 Privatschülern 38 Millionen Euro im Jahr. 9000 Schüler mehr – und die Stadt würde weitere 20 Millionen jährlich sparen. „Das wär doch was!“, sagt Mieke Senftleben, die schulpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion. Zusammen mit dem Gymnasium Graues Kloster aus Wilmersdorf und der Evangelischen Schule Frohnau eröffnete sie gestern vor dem Roten Rathaus die Protestwoche. Heute um 14 Uhr geht's weiter: die FDP hält ihre wöchentliche Fraktions-Sitzung aus Solidarität in der Katholischen Schule St. Paulus im Tiergarten ab und diskutiert mit Elternvertretern der unterschiedlichen Trägerschaften.

„Freie Schulen unter freiem Himmel“ heißt das Motto, unter dem sich die katholische Salvatorschule, die evangelische Schule Frohnau, die freie Schule Pankow und die Waldorfschule Märkisches Viertel heute von 10 bis 13 Uhr in der Fußgängerzone in Alt-Tegel vorstellen. Am Mittwoch veranstaltet die Salvatorschule von 10 bis 13 Uhr auf dem Brunnenplatz im Märkischen Zentrum einen Lesemarathon. Außerdem verteilen Schüler Postkarten mit ihren Fotos und dem Slogan „Wäre ich ein Pferd – ich wäre gerettet.“

Die Katholische Schule St. Mauritius präsentiert ihre Sicht der Dinge am Donnerstag zwischen 8 und 13 Uhr auf dem Schulgeländer in der Schulze-Boysen-Straße in Friedrichshain. Zur gleichen Zeit werden Schüler und Lehrer der Katholischen Schule St. Franziskus auf dem Winterfeldtplatz in Schöneberg demonstrieren.

Mit öffentlichem Unterricht im Freien wollen die Schulen vor allem gegen den Glauben ankämpfen, sie seien Eliteschulen für Reiche. Die Aufnahme eines Kindes hänge in den meisten freien Schulen einzig von den Grundschulnoten und dem persönlichen Eindruck ab, den Eltern und Kind auf die Lehrer machen, sagt Gerd Walther, ein Elternvertreter des Gymnasiums Graues Kloster. An seiner Schule in der Salzbrunner Straße ist das Schulgeld zwischen 40 und 110 Euro gestaffelt, je nach Einkommen der Eltern. Kinder, deren Eltern unterhalb einer gewissen Einkommensgrenze blieben, müssen überhaupt kein Schulgeld bezahlen. Gerade weil viele Eltern sich ein hohes Schulgeld nicht leisten können, wäre die Kürzung der staatlichen Zuschüsse fatal. In der St.Franziskus-Schule in Schöneberg zum Beispiel bringen schon jetzt viele Eltern der 760 Schüler aus 19 Nationen nur mit Mühe das Schulgeld auf. Bei einer Erhöhung um das 2,5fache – das stünde im Falle der Sparmaßnahmen an – müssten viele die Schule wechseln.

Am Donnerstag treten die Freien Träger bei einer Anhörung im Abgeordnetenhaus auf, darunter Pater Mertens vom Canisius-Kolleg. Am Sonnabend gipfelt die Protestwoche in einem Sternmarsch und einer Großkundgebung auf dem Wittenbergplatz. Claudia Keller



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