Elf Tage, elf Nächte: Lese-Marathon
Berliner Schüler tragen aus Werken der Weltliteratur vor - aus Lust am Lesen und für den Wiederaufbau einer Schule in Sri Lanka
Vier Millionen Analphabeten gibt es in Deutschland. In einer multikulturellen Stadt wie Berlin ist das Fördern der Lust am Lesen besonders wichtig. Wir stellen eine besondere aktuelle Aktion und viele Initiativen vor.
Elf Tage und elf Nächte lang wollen etwa 200 Grund- und Oberschüler, Lehrer, Eltern und Ehemalige der Katholischen Schule Salvator in Waidmannslust nonstop dauerlesen. Den Lese-Marathon aus über 30 Klassikern der Weltliteratur starten sie am 8. März um 15 Uhr in der Buchhandlung Hugendubel an der Tauentzienstraße 13. Die Aktion will die Initiative "Wir lesen vor - überall und jetzt" der Stiftung Lesen stärken.
Die drei Schülersprecher hatten die Idee für das Dauerlesen. "Mit der Aktion wollen wir die Gemeinschaft an der Schule stärken und Lesen wieder populärer machen", sagt Schülersprecher Lukas Walenciak. "Und wir wollen zeigen, daß Schule nicht nur nervig sein, sondern auch in Aktion treten kann", ergänzt Ewelina Freitag.
Während der elf Tage Nonstop-Lesen wollen die Schüler Spenden sammeln und Lose verkaufen. Der Erlös soll an die Schwestern des Ordens der Salvatorianerinnen gehen, um den Aufbau eines Wohnheims und einer Schule für Waisenkinder in Sri Lanka zu unterstützen.
Bei den Lehrern findet das Projekt große Zustimmung. "Wir freuen uns, wenn junge Leute gern lesen und unterstützen das auch", sagt Christian Dinter, stellvertretender Schulleiter der Salvator Schule. Für den reibungslosen Ablauf der Dauerlese-Aktion hat das Schülersprecher-Team einen detaillierten Vorleseplan ausgetüftelt: In Gruppen mit drei Personen wird jeweils etwa drei bis vier Stunden am Stück gelesen. Dabei sind die Bücher so aufgeteilt worden, daß die jüngeren Schüler in Werken von Erich Kästner und Astrid Lindgren schmökern, während die Oberschüler sich an "Das Parfüm" von Patrick Süßkind und William Shakespeares "Sommernachtstraum" wagen.
Die Initiatoren können sich außerhalb der Schule nur begrenzt für solch schwere Lesekost begeistern. Der 17jährige Lukas vertieft sich in seiner Freizeit eher in Fantasy-Romane und Thriller. Auch Schülersprecher Karl Timm liest leidenschaftlich gern. Ihr Zimmer sei "vollgestellt mit Büchern", erzählt die 17jährige Ewelina. Die drei schlüpfen bei der Aktion gleich mehrmals in die Rolle des Vorlesers: Gemeinsam leiten sie den elftägigen Lese-Marathon mit Bradburys "Fahrenheit 451" ein und beenden ihn mit Ondaatjes "Der englische Patient". Die Buchhandlung stellt den Schülern für die Aktion sämtliche Bücher. Diese werden dann am 19. März zum Ende des Lese-Marathons für die Spendenlotterie gestiftet.
Wer selbst gern vorliest, kann sich an vielen derartigen Aktivitäten in Berlin beteiligen. Bereits im Oktober 2004 startete der Vorlesewettbewerb des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Info: www.vorlesewettbewerb.de). Ehrenamtliche Lese-Paten bildet zum Beispiel die Bürgerstiftung Berlin aus. Sie werden an Schulen in sozialen Brennpunkten vermittelt und lesen zwei bis drei Stunden wöchentlich an Grundschulen vor (www.buergerstiftung-berlin.de). Im Rahmen der Studentenproteste im Wintersemester 2003/04 entwickelten Studierende der Humboldt-Universität das Projekt "Lesen für Berlin" - zum Vorlesen an Grundschulen in der Innenstadt (www.lesenfuerberlin.de). Der Verein "Lesewelt" bietet Vorlesenachmittage in Kinder- und Jugend-Bibliotheken. Ehrenamtliche lesen dort einmal pro Woche Kindern bis zu 12 Jahren vor.
Einen guten Überblick zur Thematik bietet die Homepage der Kampagne "Deutschland liest vor" (www.deutschland-liest-vor.de) unter der Schirmherrschaft von Doris Schröder-Köpf.
Der 23. April 2005 ist übrigens der diesjährige Welttag des Buches.
