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Mission: impossible

Der wahre Stress folgt nach den Prüfungen: Abiparty, Abistreich, Abibuch, Abi-T-Shirts . . .

Das Abitur ist fast geschafft, man hat die bisher schwerste oder auch schönste Zeit seines Lebens überstanden. Natürlich muss das nach all dem Stress auch gebührend gefeiert werden. Doch reicht der traditionelle Abiball schon lange nicht mehr aus. Wenn man sich heutzutage «ehrenvoll» von der Schule trennen will, müssen auch noch eine Abiparty, Abi-T-Shirts, ein Abistreich und ein Abibuch her. Was organisatorisch nun am schwierigsten zu bewältigen ist, kann nicht eindeutig beantwortet werden.

Zunächst einmal der Abiball: Das kleinere Übel ist wohl, einen Raum zu organisieren und Karten zu drucken und zu verkaufen. Die wahre Herausforderung trifft dabei jeden persönlich. Besonders die Mädchen sind dem Nervenzusammenbruch nahe. Wie soll frau sich kleiden? Sollte man einen Tanzkurs absolvieren? Wenigstens die letzte Frage kann eindeutig beantwortet werden: Ja! Man will doch mit Vater oder Mutter, mit Freund oder Freundin tanzen. Das muss gekonnt sein, schließlich soll es möglichst professionell aussehen.

Ob man das im weiteren Leben noch mal braucht, bleibt unbeantwortet. Kleiner Trost: Man zahlt bei den meisten Tanzschulen kaum mehr als vor zehn Jahren. Damit wäre wenigstens ein Punkt abgehakt. Doch die berühmte Frage: «Was soll ich eigentlich anziehen?» bringt einen fast zum Fall, besonders natürlich die Frauen.

Der Blick in den Kleiderschrank entwickelt sich zum Desaster, und nach einer kurzen Bestandsaufnahme des Inhalts scheint der Weg ins nächste Einkaufscenter unumgänglich. Doch welches Kleid ist das Richtige für den Ball? Welcher Schnitt? Welche Farbe? Und hat das Kleid noch jemand anderes? All diese Fragen wühlen das Gemüt auf, und erst, wenn man zu viel Geld für ein Modell ausgegeben hat, das man in ähnlicher Form bereits besitzt, ist man beruhigt. Die Abiparty ist da schon wesentlich entspannter. Ist halt so, als wenn man mit allen Leuten des Semesters in den gleichen Club geht.

Erst bei der Organisation der Abi-T-Shirts und des Abistreichs treten wieder scheinbar «unüberwindbare Probleme» auf. Normalerweise braucht man das Thema nur anzuschneiden und schon bricht ein Semesterstreit aus. Zumindest unter denen, die noch nicht resigniert zu allem Ja und Amen sagen.

Was soll auf die T-Shirts gedruckt werden, wie viel dürfen sie höchstens kosten, gibt es sie auch als Tops? Und, und, und. Das muss man durch, ob man will oder nicht. Am Ende nörgeln zwar immer noch einige, aber egal. Man kann es nicht jedem recht machen.

Das Positive ist: Bis zu diesem Punkt ist man schon den Großteil seines Aggressionspotentials losgeworden, so dass die Streitereien wegen des Abistreichs schnell geklärt werden können: Die Versuchung, sich an den Lehrern für die eine oder andere Ungerechtigkeit zu rächen, ist zwar groß, aber davon wird der Braten auch nicht fett. Also lieber zeigen, dass man erwachsen geworden ist, zumindest ein wenig.

Nachdem man jetzt alles mehr oder weniger gut überstanden hat, denkt man sich, dass es gar nicht mehr schlimmer kommen könnte. Doch weit gefehlt . . . Das Abibuch ist ja noch übrig! Wenigstens dort es sollte keine Probleme geben. Denkt man. Alles scheint jetzt ganz einfach: Es wird über jeden Kurs und jede Kursfahrt geschrieben, jeder Schüler des Semesters darf seine persönliche Seite gestalten und dann werden noch besonders dumme Lehrersprüche zitiert wie: «Herr X, haben Sie endlich unsere Klausuren dabei?» - Lehrer: «Welche Klausuren?»

Das alles ist natürlich das übliche Muss für ein Abibuch. Doch hoppla, beinahe hätten wir die berühmte Evaluation, die semesterinterne Umfrage, vergessen. Das läuft ungefähr so ab: Jeder Schüler des Semesters bekommt eine Liste mit allerlei Fragen wie «Wer ist das größte Lästermaul?», «Wer hat den größten Partnerverschleiß?», «Wer versteht nichts von Mode?», usw.

Ab dann ist Mord und Totschlag programmiert. Vielleicht muss frau ja ein Mann sein, damit es ihr gleichgültig ist, wie die Ergebnisse der Umfrage ausfallen. Aber Frau bleibt Frau. Daher bricht auch schon ein paar Stunden nach Herausgabe der Liste ein Kleinkrieg aus. Es wird gelästert und getratscht, was das Zeug hält. Enden wird der Streit erst, wenn jede mit jeder zerstritten ist und keine mehr mit keiner spricht. Erst dann fällt einem auf, wie blöd man eigentlich ist, sich wegen so etwas zu zerstreiten und das in den letzten paar gemeinsamen Wochen . . .

Denn, obwohl es schwer fällt zuzugeben: Man wird wahrscheinlich bis zum ersten Abitreffen in ein paar Jahren vier Fünftel der Leute nicht mehr sehen. Diese Vorstellung schweißt dann doch wieder zusammen. Schließlich kennt man die meisten ja schon an die 13 Jahre. Nicht mit jedem ist man gut Freund, trotzdem wird man jeden Einzelnen mit seinen Macken vermissen. War es doch bis jetzt das Alltäglichste, sich mit ihnen zu streiten, mit ihnen zu lachen, zu lästern und Spaß zu haben. Kann es was Schöneres geben? Das wird ja die Zukunft noch zeigen. Fest steht: Genießt die Zeit, die euch noch bleibt und verderbt sie nicht durch Streitereien.

Wenn einem das alles klar geworden ist, dann ist die Vorstellung gar nicht so abwegig, in 20 Jahren seinen eigenen Kindern vorzupredigen: «Schule, liebe Kinder, das ist die schönste Zeit des Lebens . . . !»

 

Von Christine Baumann, Klasse 13, Katholische Schule Salvator, Reinickendorf

Berliner Morgenpost, vom: 13.05.2002
URL: http://morgenpost.berlin1.de/archiv2002/020513/jugend/story518994.html