Rechtschreibreform: Neue Korrekturen führen sie völlig ad absurdumFünfeinhalb Jahre nach ihrer Einführung steht die Rechtschreibreform endgültig auf der Kippe. Nach mehreren Korrekturen in den vergangenen Jahren spricht sich die Zwischenstaatliche Rechtschreibkommission in Mannheim jetzt selbst dafür aus, Teile der Reform zurückzunehmen. Dem Vorstoß, der bisher nur aus einer Vorlage für die Kultusministerkonferenz (KMK) bekannt ist, kommt politische Bedeutung zu. Denn am kommenden Donnerstag will die Amtschefkommission "Rechtschreibung" der KMK endgültig darüber befinden, ob die Reform im Sommer 2005 "verbindlich" wird. Verstöße gegen die neuen Regeln sollen von da an als "falsch" geahndet werden und sich auf die Zensuren an den Schulen auswirken. Die Vorschläge der Kommission stellen diese Entscheidung in Frage. So sollen die unter Beschuss geratenen Regeln für Getrennt- und Zusammenschreibung teilweise zurückgenommen werden. Der Umfang, in dem das geschieht, bleibt aber unklar. "Die Liste von Partikeln, die mit Verben trennbare Zusammensetzungen bilden können, wird um einige wenige bisher fehlende Partikel ergänzt", heißt es in dem Papier. Dann folgt die Aufzählung: "dahinter, darauf / drauf, darauflos / drauflos, darin / drin, darüber / drüber, darum / drum, darunter / drunter, davor, draus, hinter, hinterdrein, nebenher, vornüber" - womit die "geschlossene Liste" auf bereits 110 Partikel anwachse. Bei Verbindungen mit Partizipien ist die alte Schreibweise wieder zulässig, "wenn die gesamte Verbindung komparierbar ist". Ebenso sollen "allein stehend", "Rat suchend" wieder zusammengeschrieben werden dürfen. Doch diese Erlaubnis wird damit auf eine nicht genannte Zahl vergleichbarer Fälle ausgeweitet. Immer wieder heißt es in Bezug auf die neuen Freiheiten: "in Fällen wie", "insbesondere in diesem Fall werden frühere Zusammenschreibungen wieder zulässig", womit die Neuregelungen praktisch aufgegeben werden, ohne dass dies eingestanden wird. Mehrfach wird in der noch nicht veröffentlichten Vorlage betont: "Durch die Änderungen werden bisherige Schreibweisen nicht falsch." Deshalb brauche kein Wörterbuch geändert zu werden. Kritiker wie der Erlanger Linguist Theodor Ickler sehen das anders: "Lehrer, die justiziabel korrigieren wollen, brauchen Nachschlagewerke, in denen alle richtigen Schreibweisen verzeichnet sind. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Neue Milliardenkosten sind unvermeidlich." Dankwart GuratzschBerliner Morgenpost, vom: 29.01.2004
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