Nachrichten über Straftaten jugendlicher Neonazis
häufen sich. Rechtsextreme Parteien haben einen großen Zulauf. Die
nationalsozialistische Ideologie hat für viele ihren Schrecken verloren.
Offenbar ist die zeitliche Distanz so groß, dass es vielen Jugendlichen
schwerfällt, einen Bezug herzustellen, doch leben auch heute noch
Menschen, die das Unheil, das Hitler über Europa brachte, miterlebt
haben. Eine Zeitzeugin ist Eleonore Hertzberger.
Mit dem Erzählen ihres
persönlichen Schicksals will sie nicht anklagen und Schuld zuweisen,
sondern aufklären und informieren. Ein Bericht in der "Berliner
Zeitung" über Frau Hertzberger ließ einen Schüler der
Katholischen Schule Salvator die Initiative ergreifen. Nachdem die
Schulleitung ihre volle Unterstützung zugesagt hatte, wurde Frau
Hertzberger eingeladen, und schon wenige Tage später, am 30.11.00,
schildert sie vor über 120 Schülerinnen und
Schülern des 1. und 3.Semesters ihre abenteuerliche Flucht vor den
Nazis.
Lore Katz, so ihr Mädchenname, wird 1917 in Berlin als Tochter einer Protestantin und eines Juden geboren. Doch erst nach der Machtergreifung Hitlers wird der Familie bewusst, dass diese bis dahin kaum beachtete Tatsache der jüdischen Abstammung nun eine Gefahr darstellt. Daraufhin emigriert die Familie im Oktober 1938 nach Holland . Dort heiratet Lore einen Holländer jüdischer Abstammung, Eddie Hertzberger. Das Paar zieht nach Rotterdam, aber schon eine Woche nach der Hochzeit wird der Reserveoffizier mobilisiert. Um einander trotzdem nahe sein zu können, bezieht das junge Paar ein Hausboot in der Nähe des Stützpunktes. Am 10.5.1940 fliegen deutsche Flugzeuge Bombenangriffe auf Amsterdam. Die Bomben treffen auch das Hausboot, doch hatte das junge Paar es durch einen glücklichen Zufall am Tag zuvor verlassen.
Dieses Glück bleibt den Hertzbergers auf ihrer Odysee durch Europa treu. Immer wieder finden sie eine Masche im Netz der Nazis und entgehen der Festnahme. So lautet auch der Titel des Buches von Eleonore Hertzberger "Durch die Maschen des Netzes", in dem sie die Geschichte ihrer Flucht niederschreibt: .
Später versucht Lore nach Rotterdam zu gelangen, um Geld und Pässe für sich und ihren Mann zu besorgen, doch die Straßen sind voll und sie kommt nicht durch. Noch am selben Tag wird auch Rotterdam bombardiert. Wieder entgeht Lore der Gefahr.
1940 kapituliert die holländische Regierung, um das kleine Land vor der Zerstörung durch die übermächtige Wehrmacht zu schützen, und emigriert nach London. Daraufhin beschließen auch die Hertzbergers Holland zu verlassen, um sich vor den deutschen Besatzern in Sicherheit zu bringen. Sie erreichen ein Schiff, das sie nach England bringen soll, doch stellt sich heraus, dass es nicht ablegen kann, da die Hafenausfahrt mit gesunkenen Schiffen verstopft ist. Verzweifelt sucht das Paar eine andere Möglichkeit, das Land zu verlassen. Sie erfahren von einer Organisation, die Juden zur Flucht ins Ausland verhilft, ohne dafür Geld zu nehmen. Mit einem Bus fahren die Hertzbergers Richtung Belgien. An der Grenze findet eine Kontrolle statt. Schnell muss Lore einen verräterischen Umschlag in der Manteltasche verschwinden lassen. Der Kontrolleur ist zwar sehr unfreundlich, lässt sie aber passieren. Kurz darauf fährt er mit einem Fahrrad an den beiden vorbei und wünscht ihnen eine gute Reise. Offenbar bemerkte er den Fluchtversuch und wollte sie schützen. Wieder einmal hat das Glück die Hertzbergers nicht im Stich gelassen.
Über Belgien gelangt das Paar in die Schweiz, doch statt im sicheren Exil auszuharren, plant es, über das besetzte Frankreich nach Spanien zu gelangen und sich dort dem Widerstand anzuschließen. Sie beginnen, sich für die Überquerung der Pyrenäen vorzubereiten und spanisch zu lernen. Wie durch ein Wunder können sie ihre Reise durch Frankreich bis zu den Pyrenäen fortsetzen, die sie in drei Tagen und drei Nächten zu Fuß überqueren. Völlig erschöpft, am Ende ihrer Kräfte, aber glücklich erreichen sie Madrid.
Spannend , detailliert und trotz allem humorvoll erzählt Eleonore Hertzberger von ihrer gefährlichen Flucht durch Europa. Mit dem Erzählen dieser Geschichte, die sie mit vielen Anekdoten ausschmückt, gewährt sie dem Zuhörer einen Einblick in ihr persönliches Schicksal. Das ist eindrucksvoller und sagt mehr aus als abstrakte Zahlen von Flüchtlingen. Deswegen ist es auch so wichtig, dass die letzten lebenden Zeitzeugen den Jugendlichen vermitteln, dass die Zeit des Dritten Reiches erst 55 Jahre zurückliegt und dass die Großelterngeneration diese Schrecken noch miterlebt hat. In Eleonore Hertzbergers Autobiographie kommen ihr Mut, ihre Willensstärke und ihre Lebensfreude trotz aller Gefahren zum Ausdruck. Indem sie von dem Mut, den sie bewiesen hat, berichtet, fordert sie die Zuhörer auf, die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern sich aktiv mit ihr auseinander zu setzen und dementsprechend in der Gegenwart zu handeln. "Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung" und einen Schritt dahin konnten wir dank Eleonore Hertzberger tun.
von Franziska Busche