Dort trafen sich weitere Jugendliche aus anderen Berliner Gemeinden, die mindestens so erwartungsvoll diesem ‚Event' entgegenfieberten, wie wir. Die Gruppe der Salvator Schule, der sich Herr Baberske freiwillig und voller Zuversicht angenommen hatte, umfasste 16 Schüler-/innen der Klassen 11-13, dies sich den Bus mit einer Gruppe aus Tiergarten, geführt von Herrn Baberske's Freund Olaf, teilten. Die zehn stündige Fahrt versüßten wir uns mit lustigen Unterhaltungen, kläglichen Gesangsversuchen, die von schönen Gitarrenklängen (Danke Lukas!) wieder wettgemacht wurden. Zur Besinnung auf den theologischen Aspekt unserer Pilgerreise sprachen wir zudem gemeinsam ein Gebet.
Froh gesinnt kamen wir schließlich um 19.30 in Rheinbach an, wo bereits viele freiwillige Helfer auf uns warteten, um uns prall gefüllte Pilgerrucksäcke sowie unser Abendessen zu überreichen. Während des kurzen Fußmarsches zu der Hauptschule, die uns für die kommende Nacht Obdach bieten würde, inspizierten wir den Inhalt der Rucksäcke: Neben Stadtplänen, einer Pilgerflasche, Gesangs- und Gebetbüchern, einem Rosenkranz, fanden wir außerdem eine aufblasbare, überdimensionale, pinke Hand, die wohl dazu gedacht war, den Papst zu begrüßen.
Froh, endlich unsere Sachen abladen zu können, warteten wir vor der Turnhalle, in der wir schlafen sollten und beobachteten entgeistert das bunte Treiben um uns herum: Vollschlanke, muskelbepakte, feinmotorische, verspielte junge Kanadier schlugen sich freundschaftlich gegenseitig ins Gesicht, während sie voller Elan ihre Rapkünste zur Schau stellten. Auf Grund der nicht einschätzbaren Risiken, die möglicherweise von ihnen ausgehen würden, wurde unser Gepäck vorerst separat eingeschlossen, sodass wir an einem mehrsprachigen Kreuzweg in der nur ein paar Schritte entfernten Kirche teilnehmen konnten, der uns auf die sonntägige Papstmesse gut einstimmte.
Irdische Bedürfnisse hinderten uns allerdings daran, an der anschließenden Prozession teilzunehmen- wir hatten großen Hunger...! So machten wir uns freudig schnatternd, auf dem Bürgersteig sitzend, über Brötchen, Vanillemilch und Matjesfilet in Tomatensoße, her.
Da in Rheinbach bereits die Bürgersteige hochgeklappt wurden, beschlossen wir, mit dem Zug nach Bonn zu fahren, wo wir, in kleine Gruppen aufgeteilt, die Stadt im strömenden Regen erkundeten. Geleitet von den zahlreichen Pilgergruppen aus der ganzen Welt, welche einander stets wie alte Bekannte begrüßten, stießen wir auf eine nächtliche Andacht im Herzen der Stadt, die wegen der Überfüllung der Kirche auch auf den Vorplatz per Lautsprecher übertragen wurde und viele Pilger angelockt hatte. Inzwischen hatte der Regen aufgehört, so dass das Licht vieler Kerzen eine wohlig-warme Atmosphäre verbreitete.
Nach einer unerwartet ruhigen Nacht unter Basketballkörben und Ringen machten wir uns zeitig auf den Weg, die Duschräume zu erobern, um dem großen Ansturm zu entgehen, doch- Oh Wunder- fast alle anderen, zumindest die weiblichen Pilger, hatten die gleiche Idee gehabt... Kaum hatten wir das reichhaltige Frühstück runtergeschluckt, ging es auch schon im Sauseschritt zurück zum Bus und so in Richtung Marienfeld. Doch dann kam die Überraschung: die Distanz zum Feld stieg alle fünf Minuten…So wanderten wir schließlich vier Stündchen! Auf unserem Weg trafen wir immer mehr Pilger aus aller Herren Länder, die das gleiche Ziel hatten, wie wir. Besonders beeindruckend waren die vielen Einheimischen, die uns aus Fenstern und vom Straßenrand begeistert zujubelten und das Bild vieler tausender fahnenschwenkender, fröhlichen Jugendlichen genossen. Von der Begeisterung, den nicht enden wollenden "Be-ne-detto"-Rufen und dem von überall her tönendem heiteren Gesang getragen, lag das Marienfeld endlich vor uns.
Seine Größe und die kaum erfassbare Menschenmenge übertrafen all unsere Erwartungen. Immer noch sprachlos ließen wir uns am erst besten, freien Fleckchen Grün fallen und breiteten unser Nachtlager aus. Wegen der nicht enden wollenden Menschenströme konnte unsere Gruppe nicht zusammen lagern und so war es eher Zufall, dass wir neben Herrn Baberske und Olaf geraten waren.
Unsere Koordinaten waren insofern äußerst strategisch gewählt, dass wir nur wenige Meter zur Essensausgabe sowie zu der Dixiklokolonie hatten. Nachdem wir uns gestärkt hatten, schlenderten wir, überwältigt von unseren ersten Eindrücken, durch das sehr chaotische Lager. Einen Überblick konnten wir uns nicht recht verschaffen, schließlich war das Marienfeld circa 30 Fußballfelder groß. Wohl aber wurde uns von überall zugewunken, Menschen aus ungefähr 200 Ländern grüßten einander auch hier weiterhin herzlich. Dann war der große Moment gekommen und das Papamobil erschien auf den leider nur sehr spärlich verteilten Leinwänden. Die Stimmung um uns herum hatte nun ihren Siedepunkt erreicht: weinende Polen, "Papa-Papa"- rufende Italiener, hüpfende Spanier, berührte Namibier und fahnenschwenkende Brasilianer umringten uns. Trotz aller Freude, den Papst sehen und mittendrin zu sein, hatten diese extremen Reaktionen eine leicht befremdliche Wirkung auf uns. Die anschließende circa dreistündige Messe genossen wir auf Grund der tausenden flackernden Kerzen und der sternenklaren Nacht sehr, bevor wir uns mit Goretex Jacke und Jeans in den Schlafsack kuschelten, die Müllsäcke anlegten und selig die Augen schlossen.
Gegen acht Uhr morgens wurden wir und die 999 998 anderen Pilger von einer animierenden Stimme über Lautsprecher und in circa acht Sprachen zum Aufstehen gebracht.
Da der Papst bereits in einer halben Stunde eintreffen sollte, schälten wir uns aus unseren taunassen Müllsäcken, nickten einem verschlafenem Herrn B. zu, und stellten uns mit akutem Harndrang in die endlos erscheinende Dixikloschlange. Das Zähneputzen verrichteten wir am Wegrand. Als wir zurück an unserem Schlafplatz waren, war die Messe bereits im vollen Gang.
Eine vergleichbare Euphorie, wie sie sie am vorherigen Tag gegeben hatte, war diesmal ausgeblieben, wohl da sich die meisten Menschen entweder noch im Dixiklo oder in einer etwa zwei stündigen Schlange davor befanden…
Die Botschaft des Papstes, den Glauben zu verbreiten und seine Freude über dieses Ereignis, kam trotzdem bei fast allen an.
Wir empfingen diese Botschaft auf unserer Isomatte, deren Kehrseite währenddessen von vier Feldmäusen bearbeitet wurde, was uns sehr erheiterte. Was uns dagegen etwas missfiel, war der bestimmte Aufruf, nur Katholiken dürften die Kommunion empfangen, sodass Laura als einzige unserer Gruppe nicht daran teilnehmen konnte.
Um darüber weiter zu diskutieren, blieb uns nicht viel Zeit, da wir schnell zusammenpacken mussten, um uns in den gewaltigen Abreisestrom einfädeln zu können. Kostenlose Getränke, Essen, sowie viele gastfreundliche Grüße von Einheimischen erleichterten uns den weiten Weg zurück; nach einer Pause am Straßenrand und der Feststellung, dass etwa die Hälfte der Gruppe fehlte, gelangten wir, vorbei an zahlreichen Bussen, Pilgern und Dixiklos, schließlich zum Bus. Hier wartete schon der wutentbrannte Busfahrer - wir hatten uns um läppische vier Stunden verspätet (es wäre aber wirklich nicht schneller gegangen!)… Nun waren selbst die verloren Gegangenen wieder da, doch mussten wir noch circa zwei Stunden auf zwei andere, uns unbekannte, Mitreisende warten, was aber nicht weiter schlimm war.
Die Rückfahrt war dann durch eine eher schläfrige, aber äußerst zufriedene Stimmung geprägt. Nach einem Nachtmahl bei MC Donalds trudelten wir gegen 2 Uhr in Berlin-Kreuzberg ein.
Unser Fazit: Unvergesslich die kaum erfassbare Menschenmassen auf einem Fleck, die Gastfreundschaft der Einheimischen, die heutzutage selten so friedliche und natürliche Stimmung, die Erfahrung nur mit dem Nötigsten ausgerüstet drei so intensive, heitere Tage erleben zu können. Die Reden des Papstes schienen dafür noch etwas distanziert und sehr grundlegend… Kontakte außerhalb der Gruppe knüpften wir zwar weniger als gedacht, doch festigte dieses Erlebnis bestehende Freundschaften und Kontakte innerhalb unserer Gruppe.
Vielen Dank an die Schule, dass uns die Möglichkeit zu all dem gegeben wurde!