Sozialpraktikum im Rehabilitationszentrum der Fürst-Donnersmarck-Stiftung, Berlin-Frohnau
Ursprünglich wollte ich mein Sozialpraktikum in der Praxis eines Arztes machen, doch so etwas war nicht der Sinn der Sache, wie sich bald herausstellte. Die Absicht der Schule war es, den Schülern Erfahrungen in einer öffentlichen Einrichtung zu ermöglichen, in der durch soziales Engagement hilfsbedürftige Menschen unterstützt werden, so wurde es mir gesagt; und eine Privatpraxis fällt nicht in diese Kategorie! Aber das machte mir nicht so viel aus, ich freute mich auf das Praktikum, weil man meiner Meinung nach in jeder sozialen Einrichtung viele neue Eindrücke bekommen und wichtige Erfahrungen machen kann. Ich habe mein Praktikum schließlich in einer Rehabilitationsklinik gemacht, obwohl ich ehrlich gesagt, anfangs eher eine Abneigung gegen die Vorstellung verspürte, drei Wochen in einem Behindertenheim zu arbeiten. Ich denke, das war meine Unwissenheit über behinderte Menschen. Ich war nie in engeren Kontakt mit ihnen getreten und hatte nicht so recht eine Vorstellung davon, wie ich mit ihnen umgehen sollte und wie ich in einem Haus mit so vielen behinderten Menschen zurechtkommen würde.
Meine Befürchtungen erwiesen sich jedoch als völlig unbegründet. Ich bin nun sogar sehr froh über meine Entscheidung, drei Wochen in dieses Behindertenheim zu gehen. Denn ich habe dort viele interessante Menschen kennengelernt - sowohl Betreuer als auch Bewohner. Ich habe viele neue Bilder und Situationen dort gesehen, die sich mir stark eingeprägt haben. Ich habe sowohl Pädagogisches, als auch Medizinisches über behinderte Menschen erfahren, z.B. wodurch es kommen kann, daß ein gesunder Mensch plötzlich mit einer Behinderung leben muß. Zum großen Teil durch Verkehrs- und Arbeitsunfälle, aber auch, viel häufiger, als ich vermutet hatte, durch Schlaganfälle, die die Zerstörung von Gehirnfunktionen verursachen, was dann häufig eine körperliche Behinderung - z.B. eine Lähmung - hervorruft. Bei meinen Besuchen in der Krankengymnastik, der kleinen Schwimmhalle und der Wassermassage habe ich gesehen, was alles unternommen wird, um den Patienten körperlich wieder auf die Beine zu helfen.
Ich war eingeteilt in die Wohngruppe 7. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt. Da die
Bewohner den ganzen Tag über betreut werden müssen, gab es keine feste Zeit für mich, zu
der ich dort sein mußte. Meistens war ich ungefähr von 9 bis 15 Uhr dort; es gab aber auch
Tage, an denen ich erst nachmittags kam und bis zum späten Abend blieb. Andere Male bin ich
auch morgens früh um 6 Uhr gekommen. So habe ich den gesamten Tagesablauf in dieser
Gruppe kennenlernen können: Morgens ganz früh verließ eine Frau die Gruppe, um mit dem
Telebus zu ihrer Arbeit in einer Scheidungskanzlei gebracht zu werden. Sie hat das Glück,
nach ihrem Unfall ihren vorherigen Beruf als Sekretärin weiterführen zu können. Als solche ist
sie die einzige in diesem Haus. Es gibt aber auch andere, die hausinterne Funktionen
ausführen: z.B. als Pförtnerin oder als Hilfe in den Verwaltungsbüros; einer bringt das Essen
immer mit einem Wagen zu den Gruppen, und andere wiederum sind dafür zuständig, die
angekommene Post zu verteilen. Wer keine solcher Aufgaben erfüllt, befindet sich in der Regel
die meiste Zeit des Tages in den Räumen seiner Gruppe. Jeder Bewohner besitzt einen Wochenplan,
der in seinem Zimmer hängt. Darauf stehen die Termine für seine Therapien und auch die anderen
Aufgaben, die er an den jeweiligen Tagen zu erledigen hat, wie z.B. Wäschewaschen,
Zimmeraufräumen, Lauftraining, Küchendienst. Da die behinderten Menschen in diesem Haus lernen
sollen, wieder ein selbständiges Leben zu führen, sollen sie die täglichen Aufgaben im Haushalt,
soweit sie es können, selbst ausführen. Das gelingt den meisten meiner Gruppe auch ganz gut,
denn sie sind alle verhältnismäßig wenig behindert, und mehr als die Hälfte kann sich ohne
Rollstuhl bewegen und auch relativ klar denken.
Das Leben für die Menschen dort ist weder einfach noch sehr schön und führt auch nicht immer zu dem hochgesteckten Ziel, einmal wieder nach Hause zu kommen und wieder selbständig leben zu können. Doch das liegt eigentlich nicht an dieser Rehaklinik, ich finde sogar, dieses Haus ist wirklich sehr gut ausgestattet: Die medizinische Versorgung, die Hygiene und das Essen sind sehr gut, die Wohnungen der einzelnen Gruppen sind geräumig und halbwegs angenehm eingerichtet. Und was die Therapien - eigentlich das Wichtigste, was eine Rehaklinik ausmacht - angeht, glaube ich - sofern ich dazu etwas sagen kann - , daß es eine Auswahl von wirklich sinnvollen Therapien gibt. Neben den Therapien für die körperliche Bewegung gibt es auch Psychotherapien, Logopädie (zur Verbesserung des Sprechens) und Ergotherapien. Die Ergotherapie umfaßt einen ziemlich weiten Bereich. So, wie ich das verstanden habe, dient sie dazu, die Geschicklichkeit der Hände wieder zu trainieren. Dafür gibt es drei verschiedenen Tätigkeitsfelder: das Kochen, das Arbeiten mit Holz und Handarbeit wie Nähen oder Sticken. Eine weitere Therapie ist die Hippotherapie. Dafür fahren die Behinderten mit dem Telebus in die Umgebung zu einem Reiterhof wo sie einige Runden auf den Pferden herumgeführt werden.
Das ist ein gutes Konzept, doch leider - so hatte ich das Gefühl - bedürften die Patienten einer viel höheren Anzahl solcher Therapiestunden. Wenn ich die Bewohner meiner Gruppe zu ihren Stunden begleitete, hatte ich immer den Eindruck, diese Übungen taten ihnen gut, aber um wirklich einen Erfolg zu erzielen, müßten sie sie fast täglich tun, doch Tatsache ist, daß sie oft nur ein- bis zweimal in der Woche zu den einzelnen Therapien gehen. Das finde ich sehr schade, denn außer durch eventuelle und leider sehr seltene Eigenmotivation haben sie sonst keine Beschäftigung, und man findet sie oft im Wohnzimmer rauchend vor dem Fernseher sitzen. Sechs Bewohnerinnen gab es in meiner Gruppe, wobei Juliane* wegen ihrer Berufstätigkeit tagsüber abwesend war. Neben einer/einem der fünf BetreuerInnen war häufig auch der Zivi oder der Jahrespraktikant mit dabei. Die BetreuerInnen saßen meistens am Schreibtisch in ihrem Dienstzimmer, schrieben Tagesberichte oder erledigten organisatorische Dinge, aber sonst spielten wir auch oft mit den Bewohnern Karten, Dart oder andere Gesellschaftsspiele. Manchmal ging ich mit dem einen oder anderen einkaufen, meistens um den Zigaretten- oder Tabakvorrat aufzufüllen; oder wir machten in einer kleinen Gruppe einen Spaziergang durch den Wald. Es war sehr kalt, und wir packten die Behinderten in Decken, Schal und (Weihnachts-) Mützen, damit sie nicht zu sehr froren, denn wenn sie im Rollstuhl geschoben werden, bewegen sie sich ja kaum. Sie hatten später sehr rote Nasen, aber sie waren guter Laune. Diese sechs Menschen in meiner Gruppe waren alle sehr unterschiedlich. Mit einigen konnte ich sehr leicht auskommen, andere dagegen waren verschlossen, stur, trotzig und sehr bequem.
Es gab nur einen einzigen in unserer Gruppe, der besonderer Bettpflege bedurfte. Doch dieser eine hatte es ganz schon in sich, und besonders in der Lunge: er schrie manchmal so laut, daß man regelrecht Ohrenschmerzen davon bekommen konnte. Er ist zum Schlafen gleich neben die Nachtwache einquartiert worden, damit er, wenn er nachts anfängt zu brüllen, anstatt die Klingel zu benutzen, nicht gleich das ganze Haus aufweckt. Er ist ein sehr einfacher Mensch. Früher hatte er auf dem Bau gearbeitet; vielleicht kommt daher die Angewohnheit, so häufig und so laut die Leute anzuschreien, denke ich manchmal. Aber vielleicht ist es auch die tiefe Depression, in der er sich befindet, die ihn so aggressiv und laut werden läßt. Hin und wieder sprach er vom Sterben, fragte nach einem Strick und fand keinen Grund, noch weiter zu leben. Und bei dieser tiefen Unglücklichkeit und scheinbaren Ausweglosigkeit ist dieses Schreien schon fast verständlich. Manchmal fürchtete ich mich etwas vor ihm und zog es vor, seine Gegenwart zu meiden denn er war immer so unberechenbar. Andererseits hatte er auch oft eine bewundernswerte werte Selbstironie, Großzügigkeit (wenn es um das Verschenken von Zigaretten ging), Hilfsbereitschaft, eine ruhige Geduld, mit der er vieles über sich ergehen ließ, und fast eine Spur von Liebenswürdigkeit und Charme, wenn er meine Hand, die neben seiner auf dem Tisch lag, vorsichtig und langsam aufnahm, um ihr einen dicken Schmatzer aufzudrücken. Ich war überrascht davon; als sehr angenehm empfand ich es, ehrlich gesagt, nicht, aber es war trotzdem eine liebe Geste von ihm. Wütend wurde er meistens, wenn man ihn aufgrund seiner Aphasie (Sprachschwierigkeit) nicht gleich verstand.
Eine Aphasie hatten mehrere; eigentlich hauptsächlich Männer. Aber das kann auch daß es in dem ganzen Haus prozentual mehr männliche als weibliche Bewohner gibt. Eine Betreuerin antwortete mir auf diese Feststellung, daß diese Mehrheit an Männern vielleicht mit der Tatsache zu erklären ist, daß Männer einen größeren Hang zum Risiko haben als Frauen und ihnen dadurch häufiger leichtsinnige Unfälle passieren.
Auch ein anderer aus meiner Gruppe hat durch seine Aphasie ein wirkliches Problem, da er
aufgrund einer großen Gedächtnislücke auch das Schreiben nicht mehr und das Lesen kaum noch
beherrscht. Er kann sieh also so gut wie gar nicht mehr verständlich machen. Nur einzelne Wörter
wie: "da", "schön", "is' gut", "is' schwierig", "Schweinescheiße" und die Personalpronomen
beherrscht er. Im Übrigen ist er aber sehr aufmerksam und fit im Kopf. Manchmal habe ich mit ihm
das Aussprechen und die Reihenfolge der Wochentage trainiert. Es war fast traurig mitanzusehen,
wie sehr er sich damit abmühte. Ich konnte ihm dreimal langsam MMMMOOOOONNTAG vorsagen, und
alles, was er aussprechen konnte, war "Dienstag", und mit einem enttäuschten Kopfschütteln
zeigte er, daß er wußte, daß das nicht richtig war.
André* möchte ich noch erwähnen: Er war früher Elektriker gewesen, bis er - vielleicht eine Folge seines starken Rauchens - einmal einen Schlaganfall erlitt, wodurch er Schwierigkeiten mit der Koordination seiner Bewegungen bekam: leichtes Schwanken im Gang und ein fortwährendes Kopf- und Händezittern. Er sagte mir einmal, daß er das hauptsächlich aus Verzweiflung und Nervosität tue - und das von morgens bis abends. Morgens am liebsten - wenn keiner aufpaßt - als Frühstücks ersatz! Er ist sehr sensibel und das laute, plötzliche Schreien seines Mitbewohners wühlt ihn so tief auf, daß er fluchtartig den Raum verläßt und sich in seinem Bett verkriecht. Einmal klopfte ich nach so einem Vorfall an seine Zimmertür und wir haben darüber gesprochen. Er sagte, er ertrage das nicht und er erzählte mir, daß ihn dieses Schreien an seine Kindheit erinnere... und er begann zu weinen. Er weinte oft. Er konnte manchmal innerhalb weniger Sekunden von Lachen und Scherzen in ein verzweifeltes Weinen und Schluchzen verfallen, wenn man ihn auf die falschen Dinge ansprach. Er hat Kinder, wie einige andere Bewohner auch, er wurde zweimal von einer Frau verlassen. Die zweite verließ ihn wegen seiner Behinderung, die eigentlich gar nicht so groß ist, die ihn aber vom Arbeiten abhält. Das ist ein weiteres schweres Schicksal für diese Menschen, wenn sie in ihrer Hilflosigkeit auch von ihren Angehörigen allein gelassen anstatt unterstützt werden. Aber das betrifft zum Glück nicht alle. Hin und wieder kommen Eltern oder auch Ehepartner in die Klinik zu Besuch.
Einmal fragte ich ihn, was er von Literatur halte, er antwortete darauf, daß er noch nie außerhalb der Schule ein richtiges Buch durchgelesen habe. Daraufhin verabredeten wir, daß ich am nächsten Tag etwas zum Vorlesen mitbringen würde. Ich las ihm kleine Texte und Gedichte von Erich Kästner vor. Ich denke, das war ganz gut getroffen, er hörte ruhig und interessiert zu und warf zwischendurch seine Bemerkungen ein. Später redeten wir über Galileo und Archimedes und ich war überrascht, wieviel er davon wußte und mit welchem Eifer er davon sprach. Am nächsten Tag bei der Dienstübergabe (das ist eine einstündige Absprache der Betreuer, in der nennenswerte Vor- und Zwischenfälle ausgetauscht werden) erzählte uns eine Betreuerin belustigt, daß Andre, als sie ihn am morgen weckten wollte, irgendein wirres Zeug von Sternen, Kugeln und Wissenschaftlern gefaselt und sie geglaubt hätte, er sei nun völlig übergeschnappt! Das hat mich wiederum belustigt. Besonders gefreut hat mich, daß er sich noch so lange danach mit den Geschichten und unseren Gesprächen beschäftigt hatte. Ich las ihm von da an öfter etwas vor. Er freute sich immer sehr darüber, und ich fand es schön, daß ich ihn damit ein bißchen aufmuntern und seinen Gedanken auf etwas anderes als auf sein tristes Leben lenken konnte.
Sonst gab es in meiner Gruppe noch Martin* und Anja*. Anja war früher Erzieherin in einem Jugendheim gewesen, bis sie wegen einer Gehirnblutung arbeitsunfähig wurde. Mit ihr war es mit am schwierigsten auszukommen, denn sie war sehr verbittert und grundsätzlich gegen jeden Vorschlag. Es bedurfte stets langer und geschickter Redekunst, sie einmal in ein Gesellschaftsspiel zu integrieren. Sie hatte eine völlig schiefe Körperhaltung, sie saß die meiste Zeit im Rollstuhl, und ihr linkes Bein sowie ihr linker Arm schienen seltsam lahm ,obwohl sie sie bewegen konnte und auch sollte, aber das schien sie irgendwie nicht einzusehen. Trotzig streikte sie bei jedem Lauftraining und fast jeder Bewegung, die sie mit ihrem linken Arm versuchen sollte auszuführen. Diese Bewegungen waren bestimmt nicht einfach für sie, der Arm lag immer steif und unverändert angewinkelt in ihrem Schoß, und ihre Hand war kalt und verkrümmt, aber vielleicht würde sie schon etwas zuwege bringen, hätte sie etwas mehr Motivation.
In allem, was sie tat und nicht tat, wie sie redete, wie sie hämisch grinste oder laut lachte, wenn jemand eins ausgewischt bekam, wie sie auf Anforderungen oder Angebote reagierte, spiegelte sich ihre Lustlosigkeit, ihre schlechte Laune, ihre scheinbare Gleichgültigkeit über den Zustand ihres eigenen Körpers und ihr blinder Pessimismus wider. Manchmal konnte ich nur noch mit den Schultern zucken und verwundert den Kopf schütteln, wenn ich an sie dachte. Ob sie jemals wieder anders wird? Wird sich an ihrer grundlegenden Anti-Haltung jemals etwas ändern? Oder wird sie lustlos einen um den anderen Tag verleben, wie ich es in den drei Wochen gesehen habe? Sie ist jetzt zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Es ist traurig, sich vorzustellen, es würde sich die nächsten paar Jahrzehnte, die sie vielleicht noch vor sich hat, nichts Besonderes mehr ändern!
Martin unterscheidet sich in seiner Art insofern von den anderen, als daß er eine Leidenschaft für Literatur, Kunst und Weltgeschehen besitzt. Man hätte ihn auch den Intellektuellen nennen können. Täglich spazierte er mit seiner karierten Schirmmütze los, seine Zeitung zu holen. Er rauchte als einziger wirklich nicht viel und zeigte sich nur sehr selten in dem allgemeinen Wohnraum. Er hatte vor einigen Jahren einen Autounfall und leidet seitdem unter Epilepsie, ganz starker Aphasie, Konzentrationsschwäche und hoher Lärmempfindlichkeit. An ihm wurde mir besonders deutlich, wie schnell und unvorhergesehen man plötzlich aus einem so gesunden Leben herausgerissen werden kann, wie schwerwiegend solche Unfälle, die täglich geschehen, sind und wie mühsam das Leben danach sein kann!
Diese drei Wochen werde ich immer in Erinnerung behalten. Es hat mir dort sehr gut gefallen und ich habe vor, diese Gruppe noch einmal zu besuchen. Ich finde es jetzt eigentlich gar nicht mal so schlecht, daß wir ein Sozialpraktikum machen sollten; bei einem Berufspraktikum wäre ich wohl nie in eine solche Einrichtung gegangen, und ich muß sagen, ich hätte dann wirklich viel verpaßt!! Schade finde ich nur, daß es an unserer Schule nicht noch ein Berufspraktikum zusätzlich gibt, wie an der Ev. Schule in Fronau, oder an der Ev. Schule zum Grauen Kloster, denn so würde man auch die Chance wie die Schüler anderer Schulen bekommen, einmal für kurze Zeit in das Geschehen des Berufes hineinschauen zu können, den man sich später für sich selbst vielleicht einmal vorstellen könnte.