Kursfahrt nach Lettland -
Zu Besuch in der erweiterten Europäischen Union

Vom 24.04. bis zum 01. Mai 2004 machten sich 14 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe, Frau Dorsel und Herr Großmann auf den Weg nach Lettland, um Land und Leute eines neuen Mitgliedslandes der Europäischen Union näher kennen zu lernen. Trotz genauer Planungen war es auch eine Reise ins Unbekannte. Polen ist vielen aus Reisen oder infolge familiärer Bindungen mehr oder weniger bekannt, aber was weiter im Osten auf uns wartete, war mit vielen Fragezeichen verbunden. Wie würde wohl die Entwicklung des erst 1991 wieder unabhängig gewordenen Landes vorangeschritten sein? Werden noch Spuren der langen Sowjet-Zeit erkennbar sein? Viele spannende Erlebnisse und Erfahrungen warteten auf uns!

Der folgende Text möchte nicht chronologisch die Reise nacherzählen, sondern vielmehr einzelne Höhepunkte und Eindrücke der Fahrt aufzeigen, um Lust zu machen, Menschen, Landschaften und Kulturen Osteuropas selbst einmal vor Ort zu erfahren.

RIGA - alte Hansestadt nahe der Ostseeküste

Die Stadt beeindruckt durch ihren Reichtum an Baudenkmälern aus unterschiedlichen Epochen. Das Stadtbild wird vor allem durch die alten Hansehäuser sowie durch eine unvergleichliche Jugendstilarchitektur geprägt. Auf langen Spaziergängen durch die Stadt eröffnen sich immer wieder neue Perspektiven. Darüber hinaus ist es eine sehr lebendige Stadt. Etwa 800.000 der insgesamt 2,4 Millionen lettischen Bürgerinnen und Bürger leben in Riga, wo viele ihre Chance suchen, teilzuhaben an den Entwicklungen, die die europäische Erweiterung mit sich bringt. Dabei wird deutlich, dass der Wandlungsprozess unterschiedlich von der Gesellschaft gemeistert wird. Während gut ausgebildete junge Menschen alle Chancen nutzen können, ist es vor allem die ältere Generation, die mit den Veränderungen nicht mehr Schritt halten kann. Die soziale Schere zwischen arm und reich ist deutlich sichtbar. Trotzdem ist so etwas wie "Ostalgie" in breiten Kreisen der Bevölkerung nicht zu spüren. Die große Mehrheit sieht in der gewonnenen Freiheit, in der Unabhängigkeit von Russland, von wo aus insbesondere nach 1945 jedwede nationale Eigenständigkeit durch die kommunistischen Diktatur erdrückt wurde, ein kostbares Geschenk, das über manche Unzulänglichkeiten der Gegenwart hinwegsehen lässt.

Zusammenkunft mit Dr. Alexander Bergmann, einem Überlebenden des Holocaust

Riga steht aber leider nicht nur für eine Blüte deutscher Kultur, die vor allem die Händler und Kaufleute der Hanse mitbrachten, sondern auch für Deportationen nach Osten während des Nationalsozialismus. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht am 1. Juli 1941 wurde in Riga eine blühende jüdische Gemeinde zerstört. Nach den Jahren des NS-Terrors blieben von ca. 44.000 Juden, die 11% der Gesamtbevölkerung ausmachten, noch 175 übrig! Für ein würdevolles Leben der wenigen Überlebenden, für die Erinnerung an die Zeit der Entrechtung und Unterdrückung und für die Entwicklung der wieder wachsenden jüdischen Gemeinde setzt sich seit Jahrzehnten mit bewundernswertem Engagement der Anwalt Dr. Alexander Bergmann ein, der selbst in verschiedenen Lagern saß, Zwangsarbeiter in Deutschland war und der annähernd seine gesamte Familie verlor. Mit ihm gemeinsam besuchten wir das ehemalige Ghetto in der Moskauer Vorstadt, fuhren zu Gedenkstätten und sprachen über die Vergangenheit und die Gestaltung der Zukunft. Ein Tag, den wohl niemand vergessen wird, weil wir mit Herrn Dr. Bergmann nicht nur einen Zeitzeugen, sondern einen beeindruckenden Menschen kennen lernen durften.

Besuch des lettischen Parlaments und Feier des Beitritts zur EU

Der 30. April stand ganz im Zeichen des bevorstehenden Beitritts Lettlands zur Europäischen Union. Nach dem Besuch des Parlamentsgebäudes stand ein Treffen mit einem Saeima-Abgeordneten auf dem Programm. Herr Paulis Klavins, Vorsitzender der lettisch-deutschen Parlamentariergruppe, erläuterte die aus seiner Sicht größten Chancen und Herausforderungen, die mit dem Beitritt des Landes zur EU zusammenhängen. Auch heute hatten wir großes Glück, weil Herr Klavins nicht nur sachlich und nüchtern politische Sachverhalte vortrug, sondern uns "live" teilhaben ließ am Erweiterungsprozess. So stand auch bei ihm in erster Linie die freiheitliche Wertegemeinschaft der EU im Mittelpunkt, die den Demokratisierungsprozess garantiere und weiter vorantreibe. In der Nacht fanden wir uns unterhalb der Stadtmauer am Ufer der Daugava ein, wo viele Menschen den Beitritt singend und tanzend begingen. Ein historischer Moment...

Nachklang...

Im Nachhinein bleibt unter vielen Eindrücken doch vor allem eines: Es ist ein Glück, dass sich Europa auf seine kulturelle Zusammengehörigkeit besinnt, dass Menschen überall ihre Chancen suchen können und dass wir diese Gegenwart erleben und mitgestalten können.
Das seinen Dichtern sehr verbundene Land soll abschließend selbst zu Worte kommen...

An Lettland

Sag' niemals, dass ich dich vergessen hätte,
weil ich den Blick den Sternen zugewandt.
Mich halten deine Dörfer, deine Städte
unglaublich fest, du mein geliebtes Land.

Wir können unsre Wiege immer finden.
In jeder Ferne bin ich dennoch dein,
bin Kind von dir, von Küste, Meer und Winden -
du musst, dass ich im Himmel war, verzeihn.

Nicht ohne Zehrung bin ich ausgezogen,
von dir nahm, süß und herb, ich manches Stück:
mich kühlen auf der Venus deine Wogen,
und auf dem Mars bringt mir dein Roggen Glück.

Und mag ich mich auch noch so weit entfernen
von dir auf meinem ungewissen Gang,
bist du mir dennoch nah mit deinen Sternen -
mein Lettland, des Planeten Heimatklang.
[Anatols Imermanis]

Auf Wiedersehen Lettland! - Uz redzešanos Latvija!
Monika Dorsel, Lutz Großmann, Anna Fischer, Franca Wilmanowski, Johanna Schindler, Ruth Lange, Benjamin Peter, Jürgen Kröger, Matthias Lexow, Stefan Siegl, Sandra Jürgler, Nils Grünwald, Sabina Urbanska, Jeffrey Bülow, Natalia Buzuk


Lutz Großmann Juni 2004