Am 18. Juli 2000 bot sich sechs Schülerinnen und Schülern eines Grundkurses Politische Weltkunde sowie der Politik-AG die Möglichkeit, im Bundeskanzleramt den Regierungschef zu treffen. Die Diskussionsveranstaltung war ursprünglich von Hamburger Schülern geplant, denen anlässlich des Katholikentages eine Zusammenkunft mit Herrn Schröder zugesagt war. Aus Termingründen musste der Kanzler jedoch absagen und lud die Jugendlichen kurzerhand nach Berlin ein, um in der Bundeshauptstadt die Diskussion nachzuholen. In diesem Zusammenhang hatten weitere Schülerinnen und Schüler der Katholischen Schulen in Berlin die Chance, das ,,Hauptstadtfeeling" hautnah mitzuerleben.
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Im Kabinettssaal |
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Nachdem wir alle Sicherheitshürden mit Bravour gemeistert haben, hatten wir endlich ,,direkten Zugang zur Macht". Schon der Gang durchs Treppenhaus des ehemaligen Staatsratsgebäudes der DDR offenbarte den allgegenwärtigen Charme der Vorwendezeit. Vorbei an einem überdimensionalen Fensterbild, das die Werktätigen des Sozialismus zeigt, ging es in den Sitzungssaal, in dem noch ein gutes Jahrzehnt vorher der Genosse Honecker verdiente Damen und Herren des Volkes auszeichnete. Es war ein sonderbares Gefühl: Die DDR war allgegenwärtig und doch schon so fern. Trotz dieser wunderlichen Umgebung kamen wir am Ende des Besuches insgesamt zu dem Schluss, dass das vorühergehende Nutzen der Örtlichkeiten der DDR-Regierung den politisch Verantwortlichen der Bundesrepublik auch Mahnung sein kann, die viel zitierte innere Einigung vehement voranzutreiben.
Kaum hatten wir am Kabinettstisch Platz genommen erschien auch schon mit forschem Schritt der Bundeskanzler, der ebenso gespannt wie wir in die bevorstehende Diskussion zu gehen schien. Es war wohltuend festzustellen, dass er diesen Termin nicht als bloße Pflichtveranstaltung anzusehen schien. Etwa zweieinhalb Stunden nahm sich der Kanzler Zeit, obwohl er am Abend bereits in Florenz als Gast des italienischen Staatspräsidenten erwartet wurde. In einer kurzen Pause klärte er mit seinem italienischen Kollegen noch telefonisch die Einzelheiten des abendlichen Arbeitsessens.
Die klug von den sehr umfassend vorbereiteten Hamburger Schülern eingeleitete Diskussion verging wie im Fluge. Offen und aufmerksam nahm der Kanzler zu den vorgetragenen Fragen Stellung. Eine Erfahrung, die wir anlässlich verschiedener Zusammenkünfte mit Landespolikern Berlins nicht immer machen konnten!
Die Themenpalette reichte von Fragen zur politischen Biographie des Kanzlers, seinem Verhaltnis zu den Medien, dem neuen Staatsbürgerrecht bis hin zur Europapolitik. Es war eine äußerst interessante Erfahrung, die Prozesse der Politik transparent werden zu lassen. Der ,,Blick hinter die Kulissen" lässt manche Dinge in einem neuen Licht erscheinen!
Im Anschluss an die lebhafte Diskussionsrunde stand uns noch eine weitere Stunde ein Staatssekretär des Bundeskanzleramts Rede und Antwort. Wer plant den Terminkalender des Kanzlers? Wie bereitet er sich auf die verschiedenen Sachthemen vor? Welche Rolle spielen seine Hintermänner und -frauen?
Nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Kantine des Kanzleramtes wurde die Führung durch das ehemalige Staatsratsgebäude fortgesetzt, bevor der Bus für eine Fahrt zum Bundestag/Reichstag auf uns wartete.
Ein außergewöhnlicher Tag der politischen Bildung, der uns Berlinern das Geschehen in der Bundeshauptstadt nahe brachte!