Back to the roots

v. Sonja Hartmann

 

Manchmal gibt’s Sachen, da überlegt man sich dreimal, ob man darüber überhaupt etwas schreiben sollte. Das könnte ja womöglich als absolut uncool angesehen werden, oder: ach du meine Güte, die will vielleicht mal irgendwann heilig gesprochen werden! Doch ich denke,  dass dies noch etwas Zeit haben sollte, hoffentlich. Aber egal, jetzt habe ich damit angefangen und ich schreibe weiter!

An einem grauen Novembertag nämlich drängte sich etwas in meinen Kopf, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Man sitzt da und sagt sich, du sitzt im Warmen, freust dich auf Weihnachten und grübelt dann bei Keksen über Gott und die Welt nach. Ein Lied aus dem Gotteslob wollte mir nicht so recht aus dem Kopf: „Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht“.

Die vierte Strophe lautet: „Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt, und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffung wird, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt. Ja, dann schaun wir heut schon sein Angesicht in der Liebe, die alles umfängt.“

Und plötzlich war es da! Was machst denn du selbst eigentlich? Du gehst zur Kirche, bist Ministrantin und versuchst auch sonst niemanden zu nerven. Wirklich toll!

Aber nach dem Lied zu urteilen, sollte es doch wohl noch mehr im Leben geben!

Ein paar Tage später stand ich mit meiner Klasse zur Adventszeit im Franz-Jordan-Stift. Direkt auf unserem Schulgelände nebenan. Wir sangen und sangen. Ich schaute zu den Leuten, die zunächst teilnahmslos in ihren Rollstühlen oder Sesseln saßen. Und plötzlich, da sah ich eine Dame, die mich anlächelte, und ‚Peng’ es hatte ‚Wumm’ gemacht. Das wars also, was das Lied meinte.

Ein paar Tage später stand ich vor der Pflegedienstleitung und fragte nach, ob ich während der Weihnachtsferien dort auch mal was machen könnte. Ich hatte immer schon gern auf der Blockflöte gespielt. Ziemlich cooles Instrument im DSDS-Zeitalter. 20 cm Ahornholz mit einigen Löchern. Zunächst begegnete mir ungläubiges Staunen, sowas gibt’s doch wohl gar nicht. Gibt’s doch oder besser sollte es! Also radelte ich in den Weihnachtsferien mit meiner Flöte und einem Stapel Noten los. Zuvor hatte mir die Sozialarbeiterin Fr.Becker die einzelnen Wohngruppen gezeigt und mich dort vorgestellt.

Aber was spielt man bloß so in der Weihnachtszeit? Richtig, Treffer! Weihnachtslieder. Ich spielte bis ich fast blau im Gesicht war. Zuerst gabs kaum eine Regung. Aber plötzlich passierte etwas. Einige begannen mitzusingen! Ich legte mich natürlich noch mehr ins Zeug und es sollte etwas geschehen, was niemand für möglich gehalten hätte. Eine Dame fast hundert, die seit etwa zehn Jahren kein einziges Wort mehr gesagt hatte, fing plötzlich an - zuerst recht zaghaft - die Lieder in allen Strophen mitzusingen. Eine Pflegekraft verließ den Raum und kam mit einer aus einer anderen Pflegegruppe wieder zurück. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie plötzlich immer mehr dazukamen. Der Raum füllte sich. Man konnte es nicht fassen!

Welche Kraft hat die Musik! Und das ich, mit meinen 20 cm Ahornholz und ein paar Löchern drin! Man hat sich in der Welt der Coolness den Glauben an Wunder abgewöhnt. Aber hatte ich nicht gerade ein kleines Wunder erlebt? Ja, ich war mittendrin!

Und dies wiederholte sich an weiteren Tagen. Wenn ich kam, wurde ich mit einem Lächeln begrüßt, mit einigen plauderte ich anschließend immer noch etwas und schob sie mit ihrem Rollstuhl durchs Haus. Die eine oder andere Dame umarmte mich zur Verabschiedung.

Anschließend glaubte ich zu schweben. Aha, das also wars, was das anfangs zitierte Lied meinte. Ich wurde getragen von den fröhlichen Blicken von Menschen, deren Alltag durch ihre körperlichen Beschwerden nicht immer leicht ist.

Wenig später ging die Schule wieder los und ich wollte andere für mein Tun begeistern. Frau Rösch, unsere Klassenlehrerin ließ mich ein paar Minuten über diese Sache berichten. Und tatsächlich, es fanden sich sogar zwei Mädchen aus der Klasse, die sich seitdem mit mir jetzt jeden Sonntag im Franz-Jordan-Stift einfinden. Wir bringen Bewohner zur Messe in die Kapelle und machen anschließend mit ihnen noch eine kleine Fahrt in die Umgebung.

Äh, da fällt mir ein: Hat etwa jemand von euch Lust mitzumachen? Ich würde mich freuen. Und eins verspreche ich, ihr müsst nicht unbedingt auf der Blockflöte spielen können. Es reicht da zu sein und älteren Menschen das Gefühl zu geben, dass die Jüngeren sie nicht vergessen haben.

Cool oder?

 

Sonja Hartmann Kl. 9 b G, ihr erreicht mich im Pavillon, wenn ihr wollt!