Goethe und seine Zeit
Ein fächerverbindendes Unterrichtsprojekt für
die 8. Klasse
Wolf-G. Blümich, 31.03.2003,
Bericht für die Klasse 8b
Die interessierten Kolleginnen und Kollegen der 8.
Klassen der Salvatorschule überlegten im Herbst 2002, wie die vernetzte Unterrichtseinheit
im Frühjahr 2003 aussehen sollte. Das oft erprobte Thema „Amerika – Land
der unbegrenzten Möglichkeiten“, bei dem viele Fächer ihre Inhalt für einen
etwa vierwöchigen Zeitraum an diesem Thema ausrichteten, wurde verworfen.
Es sollte einmal etwas Neues sein. Und es sollte in einem kürzeren Zeitraum
intensiver gearbeitet werden. Einer warf „Goethe und seine Zeitgenossen“
in die Runde, andere malten das Thema weiter aus, diskutierten Konkretisierungen,
Abläufe, Ziele, Änderungen usw. und dann stand fest: „Goethe und seine Zeit“.
Die
Planung
Möglichst viele Fächer sollten während einer Woche Themen, die sich an Persönlichkeiten und Ereignissen aus der Zeit Goethes orientierten, für die Bearbeitung durch die Schülerinnen und Schüler vorbereiten, dafür etwas Material anbieten und kurz im Unterricht vorstellen. Die Arbeitsaufträge und das Arbeitsziel sollten für die Schüler schriftlich formuliert vorliegen. Zu einem bestimmten Termin musste sich jeder ein Thema auswählen und es beim Klassenlehrer anmelden. Dann konnte die individuelle Materialsuche beginnen und nach weiteren drei Tagen gab es drei Schultage, an denen alle Fächer, die Themen angeboten hatten, ihre Unterrichts- und Hausarbeitszeit für die freie Bearbeitung der Themen zur Verfügung stellten. Auf diese Weise kamen dann etliche Stunden zusammen, denn es beteiligten sich Religion, Deutsch, Erdkunde, Geschichte, Englisch, Mathematik und Physik. Kunst und Musik passten ihren Unterricht an das Thema an. In dieser Zeit musste jeder maximal drei druckreife, handgeschriebene Seiten mit Texten und Bildern zu seinem Thema zusammenstellen und ein Miniplakat entwerfen. Jede Klasse sollte dann ihre Themen an Hand der auf ein großes Plakat geklebten Miniplakate mit Linien unter verschiedenen Gesichtspunkten miteinander vernetzen. Wer noch Zeit hatte, konnte noch ein großes Plakat zur Präsentation seines Themas auf dem Elternabend gestalten. Nach weiteren drei Tagen sollten dann die Arbeitsergebnisse klassenweise gesammelt, auf der schuleigenen Druckmaschine gedruckt und zu kleinen Heften zusammengelegt und gebunden werden. Zum Abschluss konnten dann wenige Tage später die Ergebnisse auf Klassenelternabenden, die die Schülerinnen und Schüler gestalteten, präsentiert werden. Insgesamt sollte das Projekt fast drei Wochen umfassen, wobei in der Kernzeit von drei Tagen die eigentliche Arbeit geleistet wird.
Die Themen
Folgende Themen wurden u.a. angeboten: Die Entdeckung Australiens (Eng), Goethes Essgewohnheiten (Deu), Goethe Portraits (Kun), Goethes Farbenlehre (Phy), Goethe und seine Frauen (Deu), Klassische Farbenlehre (Phy), Wilhelm von Humboldt (Ges), Amerikanische Unabhängigkeitserklärung (Eng), Karl von Hardenberg (Ges), Das Laternenedikt (Deu), Heißluftballons (Phy), Klassenfahrt nach Weimar (Deu), Mode für Männer und Kinder (Deu), Küche, Kochen, Haushalt (Deu), Medizinische Versorgung (Deu), Mode für Frauen (Deu), Dampfgetriebene Straßenfahrzeuge (Phy), Napoleon von der Krönung an (Ges), Die Blattern (Deu), Anfänge der Elektrizitätslehre (Phy), Die Dampfmaschine (Phy), Klassenfahrt nach Frankfurt (Deu), Napoleon vor der Krönung (Ges), Bildung und Erziehung (Deu), Werthers Leiden (Deu), Goethes Schwester Cornelia (Deu), Kant (Rel), Kommunikationstechniken (Phy), Scharnhorst (Ges), Eisenbahn (Phy), Künstler z. Zt. Goethes (Kun), George Boole (Mat), Dampfschiffe (Phy).
Schülerinnen und Schüler berichten
Die Einführung
Irina: „Es gab mehrere Angebote in verschiedenen Fächern (Deutsch, Mathe, Physik, Englisch, Chemie, Religion). Die verschiedenen Themen der jeweiligen Fächer konnte man in einem Hefter ansehen und sich aussuchen. Für jedes Thema waren ein paar Info-Blätter da, von denen man sich die wichtigsten Sachen herausschreiben konnte.“
Christiane: „Wenn man sich mehrere Themen ausgewählt hatte (Dies war äußerst empfehlenswert, weil die Themen schnell vergeben waren.), musste man sich bei unserem Klassenlehrer in ein Liste eintragen.“
Die Arbeitsphase
Sandra: „Als wir alle unsere Themen ausgesucht hatten, sind die meisten von uns dann in die Bücherei gegangen und haben auch im Internet nach brauchbarem Material gesucht. .... Dann ging’s ans Arbeiten. Jeder arbeitete in den drei Tagen ruhig für sich selbst. Wenn wir Fragen hatten, konnten wir zu den Lehrern gehen und uns Tipps geben lassen. Die Bearbeitung der Themen sollte möglichst in der Schule geschehen, doch einige schafften dies nicht, weil entweder ihr Thema so umfassend gewesen war, dass die Zeit nicht reichte, oder weil sie sich vielleicht etwas mehr Zeit gelassen hatten.“
Kim: „Wer es in den drei Tagen nicht in der Schule geschafft hatte, musste den Rest zu Hause fertig stellen.“
Daniel: „Die Arbeitsatmosphäre in der Klasse war sehr konzentriert aber auch ganz schön laut.“
Lukas W.: Wir hatten „die Gelegenheit, uns zusammen mit den Mitschülern oder Lehrern mit komplizierten Fragen auseinander zu setzen. Viele nutzten dazu auch das Lexikon.“
Die Präsentation
Hanna: „ Als erstes haben wir die Ideen für eine Präsentation mit der ganzen Klasse gesammelt. Dabei sind wir dann zu dem Entschluss gekommen, dass wir Goethes Zeit als Talk Show präsentieren wollten.“
Jenny: „Sofort waren auch ein paar Schüler bereit, sich als Gäste mit ihrem Thema zu präsentieren. Anderen musste gut zugeredet werden, .... In etlichen Besprechungen und Proben entstand dann allmählich die Show.“
Hanna: „Am Präsentationsabend lief alles wie geprobt.“
Julia: „Zuerst erzählte unser Klassenlehrer allgemein etwas über das Projekt und dann wurden einige Artikel (aus dem Buch) vorgelesen.“
Jenny: „Dann kam der Höhepunkt des Abends: „Goethe pur“. Als Gäste waren geladen: Goethes Koch (Max) und seine Küchenhilfe (Katharina), eine Stadtführerin aus Weimar (Julia), eine Lehrerin (Christiane), die mit ihrer Klasse einmal in Frankfurt am Main war, ein Arzt (Spezialist für Blattern, Lukas Z.), Kant (Jenny) und James Watt (Sebastian). Der Talkmaster war Goethe persönlich (Lukas K.). Jeder stellte sich zunächst einmal vor. Dann begann das Gespräch. Goethes Koch erzählte mit einem Glas Wein in der Hand und französischem Akzent über Goethes Leibgerichte. Seine Gehilfin brachte seine Ausführungen immer noch auf den Punkt. .... Dann kam es zu einem heftigen Gezanke: Weimar und Frankfurt im Ring. Die beiden Damen fetzten sich (, wer mehr Goethe in seiner Stadt zu bieten hätte). Die Besucher kriegten sich nicht mehr ein. Der Arzt erklärte sachlich den Verlauf der Blattern und Immanuel Kant weinte seiner Geliebten in Königsberg hinterher und erklärte Königsberg für die schönste Stadt, vor Frankfurt und Weimar. Die Empörung war groß. James Watt erklärte leicht empört, dass er nicht der Erfinder, sondern nur einer der vielen Entwickler der Dampfmaschine wäre.“
Hanna: „Alles lief wie geschmiert und am Ende ging
Goethes Koch noch mit Goethes Lieblingsspeise, den Artischocken, (zum Kosten)
herum.“
Max: „Die Präsentation war ein voller Erfolg, denn wir waren von uns selber überrascht, was wir alles drauf haben und unsere Eltern waren begeistert von unseren Leistungen.“
Katarczyna: „Das (anschließende) Buffet war auch ganz gut, da man bei leiser Musik und einem Häppchen die Möglichkeit hatte sich zu unterhalten.“
Max: „Das entstandene Buch ist für Vieles gut: Einmal ist es (später einmal) eine Erinnerung an damalige Zeiten, doch man kann auch vieles darin nachlesen.“
Katarczyna: „Natürlich kann man, wenn man die Texte der Anderen liest, auch sehen, was man beim nächsten Mal besser machen kann und was man schon ganz gut gemacht hat.“
Die Meinung der Schülerinnen und Schüler zum Projekt
Befragt nach einer Beurteilung des Projektes gaben
die Schülerinnen und Schüler u.a. folgende positive Meinungen ab (die meistgenannten
am Anfang):
- Die Präsentation war spitze.
- Es gab ausreichend viele und interessante Themenangebote.
- Zur Bearbeitung gab es genug Zeit.
- Das selbstständige Arbeiten war interessant.
- Die Arbeitatmosphäre war gut.
- Es gab immer die Möglichkeit sich mit Mitschülern und Lehrern zu beraten.
- Jeder bekam alle
Arbeitsergebnisse in einem Buch.
Aber es kamen auch Verbesserungsvorschläge und Kritik:
- Die Beschränkung der Seitenanzahl für das Arbeitsergebnis
engt zu sehr ein.
- Man hat schlechte Chancen sein Wunschthema zu bekommen. Es sollte gelost
werden.
- Es hätten mehr Schüler den Mut haben sollen ihr Thema zu präsentieren.
- Es sollten sich noch mehr Fächer an solchen Projekten beteiligen.
- Die Unruhe bei der Arbeit war lästig.
- Einige haben zu Hause gearbeitet und in der Schule nichts richtig zu
tun gehabt.
-
Einige haben sich bei den Vorbereitungsarbeiten für die Präsentation gedrückt.
Fazit
Die Präsentation war wohl das Wichtigste. Hier wurden die Früchte der Arbeit geerntet: Die Eltern waren begeistert und die Lehrer natürlich auch. Und die Schüler fühlten sich mit ihren Leistungen ernst genommen und bekamen die gebührende Beachtung. Das vorzeigbare „Buch“ mit den Arbeitsergebnissen erfüllt alle mit Stolz – zu Recht! Aber auch der Weg zur Präsentation war ein Ziel: das eigenverantwortliche Arbeiten mit einem deutlichen Ziel.
Aus den Berichten der Schülerinnen und Schüler ist
ersichtlich, dass sie Freude daran hatten, sich diesen interessanten und
anspruchsvollen Arbeiten zu stellen und zu anerkennenswerten Ergebnissen zu
kommen. Lehrerinnen und Lehrer waren mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung
gefragt und fanden sich in der Rolle als Berater. Auch wenn sich jeder Schüler
nur mit einem Thema befasst hat, so sind ihm doch durch die Vorbereitung der
Präsentation auch die anderen Inhalte bekannt. Jeder wollte natürlich die
Arbeiten seiner Mitschüler gelesen haben, schon alleine deshalb, um beim
Vergleich seine eigene Arbeit einzuordnen, denn eine Note vom Lehrer gab es
nicht. Und außerdem ist es ja interessant. Demnächst werden die Arbeiten mit
Korrekturen, Kommentierungen und einer verbalen Beurteilung von den Fachlehrern
an die Schüler zurückgegeben werden.
Dies waren drei Tage Schule, in denen Schüler und Lehrer wollen durften und nicht müssen mussten – und ein respektables Ergebnis erzielten. So sollte es öfter sein.