von Karl Timm
Endlich war es so weit: Montag Morgen standen wir zu fünfzehnt auf dem Bahnhof Zoo und warteten auf den ICE, der uns nach Bonn bringen würde. Wir fuhren unter den besten Voraussetzungen: Niemand hatte sich um mehr als fünf Minuten verspätet, niemand vermisste jetzt schon sein Gepäck und der Wetterbericht prophezeite für die nächsten Tage Sommer und Sonne. So versprach Bonn, eine wirkliche Alternative zu werden, denn der Vorschlag hatte sich gegen eine Irland-Reise und eine Woche in Rom durchsetzen müssen. Freunde des Wanderns oder Sightseeing-Touristen hätten sicherlich dankend abgelehnt. So freuten sich Herr Baberske und Frau Schoser, dass sich trotz der attraktiven Konkurrenz diese Gruppe zusammengefunden hatte. Ein wichtiges Argument war dabei gewesen, auf dem Petersplatz oder in Dublin kämen die unterrichtsrelevanten Themen etwas zu kurz. Ob das tatsächlich stimmte, konnte nach der Rückkehr ausführlich mit den anderen diskutiert werden.
Schon Wochen vorher hatte sich eine Planungsgruppe zusammengefunden, die die Begleitungen (nicht Führungen!) organisierte und Programme der Abende plante. Es wäre nicht immer einfach geworden, etwa bei der Auswahl des Kinofilms alle Wünsche zu berücksichtigen, deshalb hatte dieses Komitee die ausdrückliche Erlaubnis, Entscheidungen zu fällen. Die Wahl des ersten Programmpunktes war allerdings noch demokratisch durchgeführt worden: Der „Weg der Demokratie“, der an den Gebäuden der ehemaligen Bundeshauptstadt und den Institutionen der nun dort vertretenen UN entlangführte, war für 16.30 Uhr geplant. Wie sich nach fast fünfstündiger Zugfahrt herausstellte, war dieser Zeitplan kaum einzuhalten. Kurz in der Jugendherberge auf dem Venusberg vorbeischauend belegten wir die Zimmer und fuhren wieder zum „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ – ein etwas sperriger Name, „HdG“ klingt irgendwie besser – wo unsere Begleiterin schon auf uns wartete. Die nächsten zwei Stunden freuten wir uns, nach der langen Fahrt die Beine wieder bewegen zu können. Dann ging es schnell wieder zurück zur Jugendherberge, wo das Abendessen wartete und noch einmal in die Stadt, denn die Wahl des Films war auf „Barfuss“ gefallen. Danach erkundeten wir den ersten kulturellen Höhepunkt der Woche, das Bönnsch, von vielen auch als Apfelschorle bezeichnet. Eine Kneipe mit dem so vertrauten Namen „Salvator“ lud zum Trinken ein, nur die Bedienung erweckte Befremden mit dem festen Vorsatz, die „Happy Hour“ auf keinen Fall zwei Minuten zu früh einzuläuten. Wieder auf der Straße wäre das Autofahren wohl noch möglich, aber nicht mehr erlaubt gewesen. Das fünfte Mal also an diesem Tag stiegen wir in den Bus auf den Venusberg und dachten, nun könnten wir endlich schlafen gehen. Da hatten wir die Rechnung aber ohne die Nachbarn gemacht. Ob es an der (zum Glück) letzten Nacht lag, die eine andere Jugendgruppe bewog, mit Feuerlöschern um sich zu werfen und das zu übertönen mit Musik?
Die nächsten beiden Tage waren gefüllt mit dem Schwerpunkt der Fahrt: dem HdG. Herr Baberske hatte von morgens bis abends ein Programm vorbereitet mit Überblicksführung und Gruppenarbeit am Dienstag und gegenseitiger Führung und Vertiefungsgespräch am Mittwoch. Besonders das Gespräch mit dem Historiker rief kontroverse Meinungen hervor. Den einen war er zu allgemein und ausweichend in den Antworten, andere freuten sich, auch aus solch einer Perspektive das Museum vorgestellt bekommen zu haben. Das alles war schnell vergessen, als „Fred vom Jupiter“ über die Bühne hüpfte. Für Herrn Baberske und Frau Schoser zählte diese „Trash-Oper“ am Abend sicherlich zu den Highlights, den Rest der Gruppe ließ das Spektakel eher kühl. Wir konnten einfach nichts anfangen mit längst verstaubten Superhits und kamen uns komisch vor inmitten der singenden Damen und Herren. Auch das war einmal vorbei und auf uns wartete wieder das Bönnsch in der nun schon dritten Brauerei.
Donnerstag waren wir in Köln mit einer Führung durch den beeindruckenden Dom, einer weiteren Führung durch eine kleine Kirche, Mittagessen und viel Freizeit. Ein Freund Herrn Baberskes begleitete uns diesen Tag gemeinsam mit seinem Sohn. Ohne ihn, da waren sich alle einig, wäre der Tag nur halb so interessant gewesen. Er empfahl uns auch das Schokoladenmuseum. Die an dieses Museum gestellten Erwartungen wurden, da waren sich aber fast alle einig, nicht erfüllt. Wer in ein Schokoladenmuseum geht, erwartet viel Schokolade (möglichst auch zum Essen) und keine Ausstellungsstücke des 19. Jahrhunderts, gemischt mit Schautafeln, deren Inhalt sich niemand durchliest. Vielleicht waren wir aber auch einfach nicht mehr fähig, uns mit noch einem Museum zu beschäftigen, nachdem die beiden vorangegangenen Tage nichts Anderes die Aufmerksamkeit beansprucht hatte. Abends, auch das hatte uns der Freund Herrn Baberskes empfohlen, saßen wir im „Päffchen“, tranken Kölsch und mussten uns erst daran gewöhnen, dass sofort ein neues Glas auf dem Tisch stand, wenn das alte leer war.
Kein Wort ist bisher über das Essen in der Jugendherberge gefallen. Es war sehr gut. Ob Nudeln, Reis oder „Pizza satt“, immer hat es geschmeckt, was für Jugendherbergen keine Selbstverständlichkeit ist. Merkwürdig und ebenfalls keine Selbstverständlichkeit war das Verbot, Essen oder Getränke mit auf die Zimmer zu nehmen. Wer an der Rezeption mit einem verdächtig aussehenden Rucksack vorbeikam, musste den Inhalt zeigen, sogar die Zimmer wurden einmal überprüft. So wurde abends also vor dem Gebäude getrunken, was niemanden wirklich störte, angenehmer wäre es trotzdem gewesen, den Alkohol im Warmen vernichten zu dürfen. Es spräche für diese sich offen gebende Jugendherberge, würde diese Regelung abgemildert.
Dann war es auch schon wieder Zeit, den Zug zurück nach Berlin zu nehmen. Jedem sah man die Erschöpfung und vereinzelt auch den Schlafmangel an, allen gemeinsam war aber auch die Freude über diese gelungene Fahrt. Als wir kurz nach Mitternacht wieder auf dem Bahnhof standen, bereute wohl niemand, mitgefahren zu sein. Dank der Bemühungen besonders Herrn Baberskes in der Vorbereitungsgruppe lief alles reibungslos und manch einer war erstaunt, wie viel man doch in einer vermeintlich so langweiligen Stadt wie Bonn erleben kann.
Das letzte richtige Museum besuchten wir am Freitag Vormittag. August Macke wurde uns im Kunstmuseum vorgestellt, die Begleiterin war etwas irritiert von der Unwissenheit, die wir dort in Bezug auf Kunst zeigten. Den Abschluss bildete das Konrad-Adenauer-Haus in Rhöndorf mit dem wunderschönen Garten. Das war übrigens der einzige Programmpunkt, der nicht perfekt organisiert war, denn dort wussten die schon etwas älteren Damen nichts von unserem Besuch, was aber auch kein Problem darstellte, wir wurden trotzdem durch das Haus geführt. Nach der Präsentation dieses Ortes hatten wir alle ein äußerst positiv aufgefrischtes Bild des ersten Bundeskanzlers...