Zeitzeugeninterview
Wo waren Sie am 13.August 1961 und wie haben Sie vom Mauerbau erfahren?
Am 13.August lebte ich noch zu Hause bei
meiner Mutter. Wir wohnten damals in der Klamannstraße, das ist in
der Nähe der Humboldtstraße, am Paracelsusbad. Der 13.August
1961 war ein Sonntag. Ein schöner, warmer Sommertag und ich hatte
die Absicht, wie an den vorhergehenden Wochenenden, baden zu fahren. Und
zwar war es bei uns damaligen West - berlinern sehr beliebt, in den damaligen
Osten rüber zu fahren, zum Beispiel zum Müggelsee. Und, als ich
aufstand, sagte meine Mutter zu mir:“Ich glaube nicht, dass Du da heute
rüber fahren kannst, denn es sind irgendwelche Absperrmaßnahmen
im Gange. Man kann also als Westberliner nicht mehr nach Ostberlin.“ Ich
war völlig überrascht von dieser Maßnahme. Es schwirrten
zwar in den Tagen davor bereits Gerüchte, dass die damalige DDR –
Regierung eventuell Absperrmaßnahmen ergreifen würde, weil sich
in den Wochen zuvor eine große Flüchtlingsbewegung besonders
nach Westberlin , ergossen hatte. Dementsprechend war so eine gewisse Unruhe
zwar vorhanden, aber ich war damals 17 Jahre alt und jugendlich unbesorgt
und konkrete Anhaltspunkte dafür, dass es zu einer totalen Absperrung
zwischen Ost- und Westberlin und der DDR und der Bundesrepublik kommen
würde, waren allgemein nicht erkennbar.
Also haben Sie nicht mit dem Mauerbau gerechnet?
Also ich persönlich, im Alter von
17 Jahren, habe damit nicht gerechnet, nein.
Und was hat Sie an diesem Tag persönlich am Tiefsten getroffen?
Ich muss dazu zunächst sagen, dass
sich bei der Beantwortung ihrer Frage vielleicht auch Erinnerungen, die
von Tagen und Wochen danach sind, der Inhalt damaliger Zeitungsberichte
und dergleichen mit meinen eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen vermischt
haben könnten. Ich konnte das ganze Geschehen zunächst nicht
so richtig verstehen. Aber das ging wohl den meisten anderen Westberlinern
genauso. Nachdem die Radiomeldungen immer dramatischer wurden, hielt ich
es daheim nicht mehr aus, setzte mich auf mein Fahrrad und fuhr zur Grenze
am Wilhelmsruher Damm, hier hatte ich meine Kindheit verbracht und war
im Laufe vieler Jahre sehr oft nach Rosenthal geradelt oder gegangen. Hier
an der Grenze waren Stacheldrahtrollen ausgerollt, auf beiden Seiten standen
Menschen, riefen und winkten sich zu. Viele Menschen schimpften, einige
weinten. DDR – Volkspolizisten versuchten, die Ostberliner zurückzudrängen.
Grenztruppen und sogenannte Betriebskampfgruppen waren dabei, Betonpfähle
in die Erde zu versenken und an den Pfählen Stacheldraht zu befestigen.
All das zu sehen, machte mich traurig, da mir langsam klar wurde, dass
es sich aufgrund des Umfangs der Absperrungen bestimmt nicht nur um vorübergehende
Maßnahmen handeln würde. Richtig traurig wurde ich, als ich
am Abend die Berichte der Berliner Abendschau sah und so mitbekam, welche
unmenschlichen Szenen sich in der Innenstadt abgespielt hatten, wo, wie
in der Bernauer Str., die eine Straßenseite zu Westberlin, die andere
zu Ostberlin gehörte. Hier war man dabei, die Fenster der Ostberliner
Häuser zuzumauern, während aus den Häusern Menschen nach
Westberlin flüchteten. Teilweise musste die Grenze durch Westberliner
Polizei vor den empörten Westberlinern geschützt werden.
Und was hat Sie in diesem Moment politisch am Meisten bewegt? Hatten Sie
z.B. Angst vor politischen Konsequenzen?
In diesem Alter , in dem ich damals war,
habe ich persönlich keine Angst gehabt. Dazu fehlte mir einerseits
der Überblick über das Geschehen um mich herum. Außerdem
war ich in der Schule und von meiner Mutter im Glauben an die Amerikaner
erzogen worden. Diese würden Westberlin – wie in der Blockade ja bewiesen,
nicht im Stich lassen. Ältere Menschen hatten Angst vor einer neuen
Blockade, einige sogar Angst vor einem Krieg oder davor, dass die Russen
Westberlin besetzen könnten. Ich glaubte einfach nur an die Amerikaner.
Der damalige amerikanische Präsident Kennedy war mein Idol. Ich hasste
die Russen. Für mich hatten sie Schuld an alldem, denn die DDR war
für mich damals noch die Sowjetzone und die damaligen DDR – Machthaber
( besonders der Spitzbart Ulbricht) „Marionetten Moskaus“. Ich war so erzogen
worden.
Und glauben Sie im Nachhinein, dass es eine Bevölkerungsgruppe besonders
getroffen hat oder dass alle gleichermaßen darunter gelitten haben?
Ich glaube schon, dass auf beiden Seiten
der Grenze die Menschen besonders gelitten haben, die Verwandte, Bekannte
oder Arbeitskollegen auf der jeweils anderen Seite hatten.
Also hat sich Ihr Alltag nicht sonderlich geändert?
Das kann man so nicht
sagen. Ich hatte im April 1961 eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei
der damaligen AEG begonnen. Hier arbeiteten auch viele Menschen aus Ostberlin,
die nun nicht mehr an ihren Arbeitsplätzen erschienen. Das brachte
jede Menge Schwierigkeiten im Arbeitsleben. Man kann es sich heute kaum
vorstellen, aber damals fehlten in Westberlin plötzlich massenweise
Arbeitskräfte. Auch in meiner Berufsschulklasse waren Mitschüler
aus Ostberlin. An einen von ihn, er hieß Lothar Passmann, erinnere
ich mich noch heute ganz genau. Er hatte einen Ausbildungsplatz bei der
BVG und wir fuhren nach dem Berufsschulunterricht im Bus zusammen zu unseren
Ausbildungsbetrieben zurück. Wir hätten vielleicht Freunde werden
können.
Haben Sie diesen Menschen später irgendwann einmal wiedergesehen ?
Ich habe ihn nie wiedergesehen.
Haben Sie damals etwas von möglichen Fluchtversuchen mitbekommen ?
Ich persönlich habe unmittelbar nie
etwas davon mitbekommen. Ich bin anfangs, wie es sich in Westberlin so
eingebürgert hatte, öfter an die Grenze gefahren. Dabei habe
ich persönlich nie miterlebt, dass jemand unmittelbar, als ich auf
der Westberliner-Seite stand, vom ehemaligen Ostberlin aus versuchte, die
Grenzhindernisse zu übeSrwinden., Ich habe von geglückten Fluchten
und gescheiterten Fluchtversuchen ausschließlich durch die Medien
erfahren.
Waren Ihnen denn von Anfang an diese Folgen der Trennung bewusst ?
Es war für mich
anfangs überhaupt nicht absehbar, was das auf Dauer für Folgen
haben könnte und wie sehr sich die beiden Teile Berlins auseinander
entwickeln würden.
Haben Sie damit gerechnet, dass die Mauer mehr als ein Vierteljahrhundert
steht ?
Am Anfang habe ich damit eigentlich nicht
gerechnet. Wie fast alle Westberliner hoffte ich, dass die Westalliierten,
also die Amerikaner, Engländer und Franzosen eingreifen und die anfangs
relativ primitiven Grenzhindernisse beseitigen würden.
Außerdem ist zu bemerken, dass die
später fast perfekten Grenzanlagen erst im Laufe von vielen Jahren
Bautätigkeit entstanden sind.
Fühlten Sie sich in dem Moment von den Westalliierten im Stich gelassen
?
Das ist am Anfang sehr stark der Fall gewesen,
weil die Westberliner selbst völlig ohnmächtig und hilf-und ratlos
waren, hofften alle auf ein Eingreifen der Westalliierten. Auch ich war
fest davon überzeugt und konnte es zunächst nicht begreifen,
dass sie nicht einmal einen Versuch unternahmen, die Grenzhindernisse einfach
zu beseitigen.
Wie hat denn die Regierung der Bundesrepublik damals auf den Mauerbau reagiert
?
Dazu ist mir in Erinnerung, dass zum Zeitpunkt
des Mauerbaus gerade Bundestagswahlkampf war. Spitzenkandidat der CDU war
der damalige Bundeskanzler, Konrad Adenauer, ein schon damals recht betagter
Herr. Spitzenkandidat der SPD war der damalige regierende Bürgermeister,
Willy Brandt. Während mir noch in Erinnerung ist, dass Willy Brandt,
als er auf seiner Wahlkampfreise von den Absperrmaßnahmen erfuhr,
sofort nach Berlin zurückkehrte, tat sich auf Seiten der Bundesregierung
nach außen erkennbar, zunächst einmal überhaupt nichts.
Adenauer setzte seinen Wahlkampf fort und diffamierte Willy Brandt wegen
dessen unehelicher Herkunft. Erst einige Tage später kam er nach Westberlin.
Ich glaube, die Westberliner haben ihm das nie vergessen.
Haben Sie denn im Endeffekt damit gerechnet, dass die Mauer fällt?
Diese Frage ist jetzt, über 10 Jahre
nachdem tatsächlichen Mauerfall, schwer zu beantworten. Es ist ganz
einfach so gewesen: Mit jedem Jahr, in dem die Mauer stand, und mit jedem
Jahr, in dem dieses Grenzsystem von der DDR perfekter organisiert worden
ist, und mit jedem Jahr in dem sich die politischen Systeme weiter auseinander
entwickelten , hielt ich es für unwahrscheinlicher, dass ich es miterleben
könnte, die Mauer fallen zu sehen.
Im Laufe der Zeit -so schien es- hatten
sich alle mit der Mauer abgefunden. Es gab Passierscheinabkommen, die Westberlinern
Besuche ermöglichten, ein Transitabkommen zwischen der Bundesrepublik
der DDR, das den Verkehr zwischen der Bundesrepublik und Westberlin regelte
usw. Die DDR wurde nach und nach von allen Ländern als zweiter deutscher
Staat anerkannt und hatte sich durch den Mauerbau scheinbar auch wirtschaftlich
gefestigt.
Kurzum, bis zum Auftauchen Gorbatschows
und auch noch danach gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass die Mauer
und mit ihr die ganze DDR wenn man so will – über Nacht verschwinden
würden.“
Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie in dem Moment gefühlt
haben, als Sie vom Mauerfall erfahren haben ?
Zu dieser Zeit bin ich selbst gesundheitlich
etwas angeschlagen gewesen und lag im Krankenhaus. Dort hatte ich von Freunden
einen kleinen Minifernseher zur Verfügung gestellt bekommen und konnte
diese Ereignisse, die ja praktisch ab Herbst des Jahres '89 losgingen,
verfolgen. Als ich das sah, konnte ich kaum glauben, was sich da plötzlich
abspielte und ich hatte auch die Angst,“um Himmels willen, hoffentlich
geht das alles friedlich ab“. Ich war davon überrascht, dass die Machthaber
der ehemaligen DDR keinen großartigen Widerstand leisteten-denn die
Machtmittel hierfür, zum Beispiel der riesige Staasi – Apparat, waren
ja eigentlich vorhanden.
Wünschen Sie sich nicht manchmal, dass die Mauer wieder steht ?
Nein, nein und nochmals nein, und ich kann
ein derartiges Denken auch überhaupt nicht verstehen. Sicher sind
besonders die wirtschaftlichen Probleme unterschätzt worden, und es
wird voraussichtlich noch lange dauern bis alle durch über 40 Jahre
Teilung entstandenen Unterschiede überwunden sind.
Ich persönlich bin noch immer darüber
froh und glücklich, dass ich den Mauerfall und die Wiedervereinigung
miterleben durfte und so auch Zeuge von großen historischen Ereignissen
geworden bin. Manchmal überkommt mich auch noch heute ein Gefühl
der Freude, wenn ich nur durch den ehemaligen „Entenschnabel“ fahre, und
eine Fahrt über die Glienicker Brücke versetzt mich noch immer
in eine tolle Stimmung. Meine Gedanken gehen dann immer weit zurück,
als auf dieser „Brücke der Einheit“ die Spione der beiden Systeme
ausgetauscht wurden.“