Interview mit Pfarrer Dimter

Wo waren Sie am 13. August 1961 ?

Ich wohnte damals 200 Meter von der Mauer entfernt, unsere Kirche war im Ostteil, ich wohnte im Westteil und habe dort den Mauerbau auf meinem Kirchgang am Sonntagmorgen des 13. August um halb sieben gesehen. Es wurden Stacheldrahtrollen ausgelegt.

Ab wann registrierten Sie den Mauerbau und wie bekamen Sie davon bewusst mit?

Ich hielt mich den ganzen Tag an der Grenze auf, als bereits erste Fluchtversuche zu beobachten waren. Wir halfen den Flüchtlingen, indem wir den Stacheldraht von der Westseite aus etwas anhoben, damit diese schnell in den Westen gelangen konnten.

Als die Mauer gebaut wurde, hatten Sie da Angst vor politischen Konsequenzen, wie Krieg in Berlin oder einer Blockade?

Angst vor Konsequenzen, wie Krieg oder einer Blockade hatten wir nicht. Im Gegenteil, wir hofften das die Amerikaner etwas dagegen unternehmen werden.

Welche politischen Bewegungen nahmen Sie ab dem 13. August wahr, welche waren enttäuschend und welche waren positiv überraschend?

Enttäuscht nahmen wir  damals das Verhalten der Alliierten und auch der Bundesregierung war da Adenauer nicht mal nach Berlin kam. Hoffnung hatten wir dann später, erst in den 70er Jahren bei den Gesprächen mit Willy Brandt, aber vorher auch schon, als die ersten Besuchsregelungen getroffen wurden.

Rechneten Sie mit dem Mauerbau und wenn ja, wie bereiteten Sie sich darauf vor?

Wir wussten das irgendetwas passieren muss und haben, da wir unsere Jugendarbeit im Ostteil der Gemeinde, in der katholischen St. Michaels Kirche hatten, suchten wir Räumlichkeiten für die im Westen verbliebene Gemeinde.

Wo arbeiteten Sie vor und nach dem Mauerbau und gab es danach berufliche Kohnsequenzen?

Berufliche Konsequenzen gab es nicht, ich war damals noch Schüler und ging im Westen zur Schule. Viele meiner Klassenkameraden blieben jedoch nach dem Bau der Mauer weg, da ein Großteil im Ostteil wohnte.

Haben Sie Fluchtversuche mitbekommen und wenn, wie endeten sie?

Fluchtversuche haben wir nicht nur mitbekommen sondern wir halfen oft am Luckauer Platz, indem wir die Feuerwehr alarmierten, wenn Freunde oder Bekannte zum Fenster hinaus in den Westen springen wollten, denn die Grenze verlief dort genau in der Baufluchtlinie. Der Bürgersteig war noch Westen, das Haus war schon im Ostteil, ähnlich wie in der Bernauer Str.. Alle Fluchtversuche bei denen ich gegenwärtig war endeten so viel ich weiß erfolgreich.

Was hat Sie persönlich am Meisten erschüttert?

Am Meisten hat mich die Trennung der Familien erschüttert.

Namen Sie wirtschaftliche Konsequenzen nach dem Bau der Mauer war?

Wir nahmen natürlich wirtschaftliche Veränderungen im Grenzbereich war, denn der ganze Einzelhandel lebte ja von Ostlern, die im Westen einkauften. Vor allem Arbeiter, die im Westteil der Stadt arbeiteten, und ihr Geld im Westen verdiente blieben aus, und somit brach fast der ganze Einzelhandel entlang der Grenze, bei uns in Kreuzberg völlig zusammen.

In wie weit waren Ihnen die Folgen der Trennung am Anfang bewusst?

Die Trennungsfolgen waren uns als Berliner von Anfang an bewusst und haben oft versucht etwas gegen das Auseinanderleben zu tun.

Haben Sie die Rechtfertigungen, die von staatlicher Seite kamen geglaubt?

Rechtfertigungen von staatlicher Seite haben weder wir im Westen noch unsere Freunde im Osten geglaubt. Dafür kannten wir die Situation als Mauergemeinde viel zu gut.

Wie lies es sich mit der Mauer leben?

Man hat sich angagiert, man hat sich im besucht, hat Briefe geschrieben, Päckchen geschickt, aber für viele aus der Gegend war es doch so ein entscheidender Einschnitt das sie damit nicht fertig geworden sind. Ich kenne viele ältere Menschen, die sich in dieser Zeit das Leben genommen haben,  weil sie ihre Angehörigen nicht mehr besuchen konnten. Viel haben ihre Eltern im Westen oder im Osten gepflegt und als Grenzgänger diese täglich besucht. Dies war für mich das erschütternste.

Hatten Sie die Möglichkeit Verwandte in West bzw. in Ostberlin zu Besuchen? Wenn ja, wie lief das ab?

Ich hatte mein ersten Wohnsitz im Bundesgebiet, in Paderborn und hatte recht bald die Möglichkeit, meine Verwandten in  Ost-Berlin zu besuchen. Dies war jedes Mal mit langen Wartezeiten an der Grenze verbunden. Irgendwas hatte man ja immer dabei, was verboten war und hatte somit immer ein wenig Herzklopfen und man fühlte sich jedes Mal, wenn man über die Grenze ging rechtlos.

Haben Sie mit dem Fall der Mauer gerechnet?

Mit dem Fall der Mauer haben wir nicht so schnell gerechnet. Der hat mich und auch meine Freunde sehr überrascht.




Katholische Schule Salvator - Projekt im Fach Politische Weltkunde - Zeitzeugeninterview mit Pfarrer Dimter
Das Interview führte Erik Eberwein