Interview mit Frau Berg

Frau Berg ist eine ehemalige Erdkunde- und Mathematiklehrerin an der Salvatorschule. Zur Zeit des Mauerbaus war sie 32 Jahre alt.

Was haben sie am 13. August 1961 getan ?

Ich bin früh morgens aufgestanden und habe das Radio angemacht, wie immer, und habe davon gehört. Und war natürlich entsprechend schockiert. Ich wohnte in Tegel und meine Mutter lag zu der Zeit in Neukölln im Krankenhaus und ich musste sie besuchen. Ich bin dann also nachmittags mit der U-Bahn gefahren von Tegel nach Neukölln und bin also das erste Mal durch diese Geisterbahnhöfe gefahren. Ich erinnere mich, dass ich geheult habe. Es war ein solcher Schock, was da geschehen war. Ich habe in Ost-Berlin Verwandte und Freunde gehabt, war häufig da und hatte auch andere Verbindungen dort. Es war mir dann bewusst, dass das nun vorbei war. Und dann hat man den ganzen Tag Radio gehört. Bis spät abends, weil es ja immer wieder was neues gab, Fernsehen besaß ich ja nicht und wollte eben wirklich wissen : „Kann denn das sein ?“

Und haben sie vorher mit so etwas oder ähnlichem gerechnet ?

Eigentlich, nein. Ich habe sehr viel früher mit ähnlichen Dingen gerechnet, und zwar das erste Mal 1953 bei den Ereignissen des 17. Juni und noch viel stärker 1958/59 in der Zeit des Chruschtschow-Ultimatums. Das waren sehr harte Worte, und damals zogen auch sehr viele West-Berliner raus aus Berlin, weil es stark zu befürchten war, nicht wegen einer Mauer, daran hatte keiner gedacht, sondern eher eine Übernahme. Das war die Zeit, in der ich am meisten damit gerechnet hatte, dass etwas schlimmes passieren könnte. Zu dem Zeitpunkt, 1961, war ich verhältnismäßig ahnungslos. Außer, dass eben die vielen Flüchtlinge mal wieder kamen, aber auch das war 1953 viel stärker.

Haben sie von den Flüchtlingen etwas mitbekommen, waren sie eventuell sogar darin involviert ?

Ich habe sehr viel von den Flüchtlingen 1953 mitbekommen, und zwar habe ich da in der Zeit zwischen meinem Studium-Abschluss und dem Beginn meiner Tätigkeit hier in der Salvatorschule Kinder in Flüchtlingslagern betreut und habe da vieles gesehen, damals wurden sie alle noch in riesigen Fabrikhallen untergebracht, was sich später etwas gebessert hatte. 1961 beim Mauerbau habe ich vor dem Mauerbau direkt wenig damit zutun gehabt, sehr viel jedoch danach. Es waren dann eben zum Teil auch sehr persönliche Dinge. Es waren ja Sommerferien ich hatte also Zeit. Man durfte ja die ersten zehn Tage noch nach Ostberlin fahren. Man wurde ziemlich streng kontrolliert, was vorher nicht so sehr der Fall war, früher konnte man in die U-Bahn einsteigen und aussteigen, wo man wollte. Aber man konnte wie gesagt noch einige Tage rüber. Ich bin dann gleich am Montag früh nach Ostberlin gefahren. Das erste Mal bin ich am Checkpoint Charlie rübergegangen und habe meine beiden Freundinnen dort aufgesucht. (Das hängt jetzt nicht mir dem politischen zusammen) Ich habe damals im Hedwig-Chor gesungen und diese beiden waren Freundinnen aus dem Chor, und auch unser Chor war ja von dem Moment an total gespalten. Ich habe dann diesen Kontakt aufgenommen und konnte dann für sie einiges tun. Beispielsweise war das so, dass sie für Aufnahmen im Chor Westgeld bekamen, und jetzt saßen sie nun da drüben, waren immer sehr scharf auf das Westgeld, um sich einiges hier zu leisten und ihre erste Bitte war : „Nimm mein Geld, nimm es mit, damit es nicht verloren ist“. Für das Geld habe ich dann späte Waren nach Wunsch hingeschickt, aber es waren halt auch ganz andere Sachen dabei. Eine Freundin hatte einen Bruder, der hier an der Freien Universität studierte und zum Zeitpunkt des Mauerbaus, aber mit einer kirchlichen Jugendgruppe irgendwo an der Ostsee war. Er war gar nicht in Berlin und sie wussten aber, dass er hier schon ziemlich viel Schwierigkeiten hatte, wegen des Studiums im Westen. Sie wussten ganz genau, dass der raus möchte aus Ostberlin. Und sie haben mich da um Hilfe gebeten. Das war mir dann auch möglich, über andere Leute habe ich dann, als er wieder zurück war von der Ostsee, einen Kontakt vermitteln können zu einer Gruppe, die durch die Kanalisation nach Westberlin gekommen sind. Die Familie meiner Freundin war natürlich entsprechend aufgeregt, klappt das, oder kriegen sie den da unten im Kanal. Wir hatten also ausgemacht, dass, wenn er durchkommt, sich bei mir meldet und ich dann rüber fahre, um bescheid zu sagen, ob es geklappt hatte. Er hätte ja keinen Kontakt aufnehmen können. Er kam dann also nachts um drei bei mir an. Es war ihm geglückt und ich bin dann am nächsten Morgen zum Bahnhof Friedrichstraße gefahren und habe mich mit meiner Freundin getroffen. Dort habe ich ihr gesagt, dass also geklappt hatte. Das war der letzte Tag, an dem die Grenze offen war. Ich habe von da an nicht mehr rüber gekonnt, bis eben viele Jahre später das Passierscheinabkommen in Kraft trat. Andere Leute aus dem Chor hatten eben davon gehört und der eine hatte ebenfalls einen Freund, der dringend raus wollte. Er selber war aber schon rausgekommen, und zwar mit einem falschen Ausweis, er konnte nicht zurück. Auch in diesen letzten Ferientagen war ich ständig unterwegs, hingefahren zu diesem jungen Mann, den ich nicht kannte und habe ihm diesen Ausweis gebracht. Er hat sich mit diesem Ausweis nicht getraut und an diesem berühmten letzten Tag habe ich den dann auch an diese Kanalleute weitergeleitet. Mit denen hat es an diesem Tag nicht geklappt, aber einige Zeit später ist es denen das dann gelungen durch die Kanalisation zu kommen. Aber das war ja alles nur eine beschränkte Zeit möglich. Nachher waren ja auch alle Kanäle vergittert. Das war ja nicht am ersten Tag alles zu machen, aber später konnte man auch unterirdisch nirgendwo mehr durch. Es war also helle Aufregung unter allen Leuten, die da eben wussten, drüben leben Geschwister oder andere Leute. Man hat überlegt, wollen wir es noch versuchen, irgendwie zusammenzukommen, oder nicht.

Wie haben sie sich als Westberlinerin gefühlt, hatten sie Angst vor der Sowjetunion ?

Zu der Zeit habe ich sehr viel stärker gedacht, „jetzt kommen die Russen“. Da dieses vorbeigegangen war, war ich jetzt nicht mehr so unsicher. Ich hab mich eigentlich in der Zeit nach dem Mauerbau nicht so gefährdet gefühlt. Es gab ja wenige Tage nach dem Mauerbau eine große Demonstration auf dem Rudolf-Hilde-Platz vor dem Schöneberger Rathaus, auf der der amerikanische Vizepräsident Johnson und Berlins regierender Bürgermeister Willy Brandt geredet haben, aber zur großen Empörung Konrad Adenauer nicht nach Berlin kam. Und so wie während der Blockade war in diesen Tagen allgemeine Stimmung unter den Berlinern : Wut, vermischt mit dem Willen „das schaffen wir schon“. Alle, die da auf der Protestkundgebung waren, wussten doch im Grunde, dass Walter Ulbricht die Mauer nicht wieder zurücknehmen würde, weil wir das stehen und protestieren. Aber man wollte doch immerhin ein Zeichen setzten. Ich erinnere mich an diesen Tag noch sehr genau. Es mag ja auch bei einzelnen Leuten unterschiedlich ausgeprägt sein, aber ich hatte in dieser Zeit auch viel zu viel zu tun um stark Angst zu haben. Das war in den Jahren vorher viel stärker.

Haben sie die Alliierten Truppen in Westberlin als Beruhigung empfunden ?

Nein, habe ich eigentlich nicht gedacht. Ersten, hier im Norden hat man so viele nicht gesehen. Und dass sich da gegenüberstanden am Checkpoint Charlie mit ihren Panzern und Kanonen, das habe ich auch mehr als eine Drohgebärde gesehen. Drohgebärden gab es ja ohnehin auch noch nachher. Ich erinnere mich an eine Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten in Berlin, wo also die Ostler Tage lang wirklich Terror ausgeübt haben mit Überschallflugzeugen. Die sind also hierübergebraust und haben Krach gemacht, um diese Bundesversammlung in Berlin zu stören. Das war aber eigentlich nicht so tragisch. Ich meine, es war doch so : war heißt „beschützt“ ? Die Amerikaner waren da und ich war zu dem Zeitpunkt überzeugt, sie lassen Schlimmeres nicht zu, nur wenn sie es nicht zugelassen hätten, was wäre denn dann gewesen ? Ein Krieg wäre auch keine angenehme Lösung gewesen. Also in der Hinsicht ist Schutz sehr relativ. Was hilft es mir, wenn sie mich schützen und beide Seiten schießen ? Davon habe ich auch nichts.

Haben sie von Anfang an damit gerechnet, dass die Mauer so lange bestehen würde ?

Eigentlich ja. Also, ich habe mir fast bis zum Ende nicht vorstellen können, dass sie am Ende weg ist. Wenn sie nicht in dem ersten Vierteljahr weggewesen wäre, also alle Proteste etwas genutzt hätten, nachdem sie dann aber immer mehr ausgebaut und größer wurde, war ich eigentlich damals fest davon überzeugt, dass sie die nie zurücknehmen. Es gibt viele Leute, die sagen, sie hätten den 9. November vorausgeahnt. Ich nicht. Ich war am 9. November über den Fall der Mauer so überrascht, wie über den Bau der Mauer. Vielleicht war ich nicht genug informiert über die wirtschaftliche Lage in der DDR, aber ich habe damit leben müssen.

Hatten sie am 13. August schon alle Konsequenzen absehen können ?

Das hat man eigentlich gleich sehen können. Es wurde von Anfang an scharf kontrolliert. Man hat natürlich gehofft, dass es eine Besuchsregelung geben würde, obwohl man sich das ganze auch noch nicht richtig vorstellen konnte. Man darf auch nicht vergessen, dass es bestimmte Dinge auch schon vorher gab. Beispielsweise durfte man als Westberliner die Grenzen Berlins nicht überschreiten. Das heißt also, man durfte sich innerhalb Berlins frei bewegen, aber es war Ende am Rande von Berlin. Da gab es zwar keine Mauer, aber da kamen die Volkspolizisten in die Züge und haben die Ausweise kontrolliert. Nicht regelmäßig, aber doch gewöhnlich, und man hat Berlin dann nicht verlassen. Außer über die Transitwege, oder wenn man eine zusätzliche Genehmigung hatte.

Wie haben sie nach dem 13. August noch Kontakt in den Ostsektor gehalten.

Konstant. Also erst mal die ersten Tage, wo man noch hinkonnte, dann postalisch, telefonisch war das ja damals nicht möglich, selbst ich hatte noch keins, und die im Osten sowieso nicht. Zu der Zeit war ein Telefonanschluss im Osten sehr schwierig zu bekommen. Es kam dann mehrere Jahre nach dem Mauerbau die erste Besucherregelung, die ging über Weihnachten über 14 Tage mit Visum. Da waren wir also so häufig da, wie möglich. Später, als dann der allgemeine Visavertrag kam, wo man also 30 Tage im Jahr drüben sein konnte. Ich war nie 30 Tage da, das habe ich nie geschafft, aber doch sehr sehr häufig. Ich war beispielsweise auch häufiger mit meinen Schulklassen drüben, zu Stadtrundgängen. Es war immer sehr dramatisch, alle Kinder unter 16 Jahren mussten meine Kinder sein und die anderen haben dann selber ein Visum beantragen können, wir haben das dann mit Frau Dr. Schneide gemacht, dass wir nach Ostberlin gefahren sind, um auch die ideelle Verbundenheit zum anderen Teil der Stadt zu unterstreichen. Ich hab das immer im Rahmen des Erdkundeunterrichts gemacht. Aber mein Kontakt war sehr stark. Später wurden dann, ich bin ja nun älter, meine Freunde und Verwandten auch älter, und die Frauen hatten dann später ab 60 Jahren ihrerseits die Möglichkeit, nach Westberlin zu kommen. Aber das war dann in den späteren Zeiten.

Hatten sie auch Verwandte im Ostteil ? Ist der Kontakt abgebrochen durch die Mauer?

Bei mir nicht. Alle Kontakte, die ich vorher hatte, habe ich behalten. Ich hatte Verwandte drüben. Ich hatte auch, wenn die Möglichkeit dazu bestand, das kulturelle Angebote des Ostteils angenommen, ins Museum, Theater oder ins Konzert zu gehen, soweit es mir möglich war, mit Hilfe meiner Freundin, die dann die Karten besorgt hat. Aber es war immer die Verbundenheit da.

Hatten sie ein mulmiges Gefühl, wenn sie den Ostteil der Stadt besucht haben ?

Ja, immer. Ich hatte dieses mulmige Gefühl selbst beim Transitverkehr. Dem konnte man sich kaum entziehen. Ich muss dazu sagen, dass alles, was man beim Grenzübergang mitnahm, nicht immer legal war. Ich erinnere mich zum Beispiel an Medikamente, die die Mutter meiner Freundin sehr dringend brauchte, deren Einfuhr verboten war. Es war also eins, das es nur im Westen, das hatte man dann irgendwo verstaut, und hatte natürlich ein mulmiges Gefühl dabei. Wir hatten auch einmal den Fall bei einer Schulklasse, dass ein Schüler sehr lange und ausführlich untersucht wurde, mehrere Stunden. Es passierten solche Dinge immer wieder. Geheuer war mir nie. Das lag aber nicht an der Mauer, sondern an den Menschen, die dort Dienst hatten.

Aber es ist nie etwas Schlimmes passiert ?

Nein, mir nie. Das einzige, was sie mir mal weggenommen hatten, war ein Petrusblatt, mit Berichten über den Katholikentag, weil Druckerzeugnisse nicht erlaubt waren. Aber sonst ist mir nichts passiert. Das man manchmal miterleben musste, dass einem fast das Auto auseinandergenommen wurde, völlig alberne Dinge. Ein Futteral von einer Sonnenbrille, als ob man da einen Mitreisenden versteckt hätte. Meine Mutter wollte nachher nicht mit dem Auto rüberfahren, weil sie meinte, dass die Kontrollen dort viel schärfer waren, als wenn sie mit der Bahn fuhr. Sie regte sich immer fürchterlich auf, wenn Handschuhfächer und der Kofferraum geöffnet wurden. Sie ist lieber mit der Bahn gefahren, dort wurde sie nicht so scharf kontrolliert.

Haben sie sich in Westberlin eher als Bundesbürgerin oder eher als Berlinerin gefühlt?

Diejenigen, die jenseits der Elbe wohnte hatten eine ganz andere Einstellung zu dem Ost-West-Verhältnis insgesamt. Es gab ja Millionen von Menschen, die nie einen Fuß in das östliche Gebiet gesetzt hatten und auch keine Beziehung zu den Problemen dort hatten. Durch die zwei Systeme in einer Stadt haben die Berliner eine ganz anderer Beziehung dazu. Ich habe mich in dem Sinne nie als Bundesbürgerin gefühlt, sondern immer als Berlinerin.

Haben sie überlegt, aus Berlin aus politischen Gründen wegzuziehen ?

Ich persönlich nie. Ich hatte, wie gesagt, Befürchtungen, dass es brisant werden könnte. Doch es gibt so viele Bindungen, die man hat. Ich war seid 1953 an dieser Schule, ich könnte mir keine andere Schule vorstellen, als diese. Ich hatte meine Familie hier, das war gar keine Frage, ich wäre nicht weggegangen. Ich meine, wie man im einzelnen entschieden hätte, wenn man gewusst hätte, dass übermorgen die Russen einmarschieren, das kann ich nicht beurteilen.

Haben sie vor dem Mauerbau im Ostteil der Stadt eingekauft ?

Gelegentlich Bücher oder Schallplatten. Sonst nichts. Ich bin nach dem Mauerbau auch nicht mit der S-Bahn gefahren, die ja unter DDR-Verwaltung stand und Westgeld nahm. Das machte man nicht, um das Ulbrichtregime nicht zu unterstützen.

Hatten sie das Gefühl, dass die deutsche Einheit im Laufe der Zeit von den Politikern und den Menschen aufgegeben wurde ?

Teil, teils. Ich glaube, dass der Begriff der deutschen Einheit bei vielen Leuten ein bloßen Lippenbekenntnis war. Ob sie es wirklich immer gewollt hatten, möchte ich eigentlich bezweifeln.

Wie war das Verhältnis zu den westlichen Alliierten, die man ja auf den Straßen gesehen hatte ? War es eventuell schon beinahe freundschaftlich ?

Ich hatte hier in Berlin eigentlich nicht so viel mit den Alliierten Soldaten zu tun. Ich bin kein Mensch, der zu Paraden geht, oder Ähnliches macht. Ich wusste eigentlich mehr, dass sie da sind, als dass ich sie gesehen hätte.

Was hat sie am Mauerbau persönlich am Meisten getroffen ?

Es war nur die Wut, dass so etwas möglich ist. Die Konsequenzen sind einem ja auch erst nach und nach klar geworden, beispielsweise dadurch ,dass man zuerst noch rüberfahren konnte. Ich war noch nicht einmal unglücklich, sondern nur wütend.

Vielen Dank für das Interview




Katholische Schule Salvator - Projekt im Fach Politische Weltkunde - Zeitzeugeninterview mit Frau Berg
Das Interview führten Christoph Eydinger und Andreas Wiese