Irrenhaus

125 JAhre Waidmannslust

Die Salvatorschule ein Irrenhaus?

Die Chronik zum 125-jährigen Jubiläum von Waidmannslust hat es an den Tag gebracht: Die Salvatorschule war (?) einmal ein Irrenhaus. Das heutige - frischrenovierte - Grüne Haus war einmal ein Moorbad. Hier die entsprechenden Auszüge aus der Festschrift:

Naturheilanstalt von Dr. Hellmuth; Fürst-Bismarck-Str. 4 - 10. Blick auf die Nord und Westseite (Poststempel1903)

...Abschließend ist noch auf einen gewerblichen Betrieb besonderer Art einzugehen. Auf den Grundstücken Fürst-Bismarckstr. 4-10 gründeten die Herren Zupke und Dr. Georg Hellmuth nahe den Fließwiesen eine Naturheilanstalt und ließen 1894 ein drei- bis viergeschossiges Gebäude errichten. Die Zimmer vermieteten sie an Kurgäste. Dieses Haus ist noch als Teil des heute hier befindlichen Schulgebäudes in umgebauter Form links neben dem Hauptzugangsweg erhalten. In einer Anzeige von 1902 bot der nunmehrige Alleininhaber Dr. Hellmuth an: "Luft- Sonnenbäder, Kastendampf- und Wannenbäder, Packungen, Massage, auch Thure Brand'sche Massage bei Frauenkrankheiten, Diätkuren bei Magen-, Darm und Zuckerkranken. Große Erfolge bei allen chronischen Krankheiten."
1903 verkaufte Dr. Hellmuth sein Unternehmen an Dr. Felix Leonahrdt, einen Facharzt für Nervenkrankheiten. Dieser ließ durch den Bauunternehmer Franz Weickert ein weiteres zwei- bis dreigeschossiges Anstaltsgebäude (auf das heute der Zugangsweg der Schule direkt zuführt) mit Tages- und Schlafräumen für die Kranken bauen. Dr. Leonhardt unterhielt keine Naturheilanstalt mehr, sondern eine "Heil- und Pflegeanstalt für gemüts- und nervenkranke Damen", also eine private Irrenanstalt. 1907 ließ er ein zusätzliches Anstaltsgebäude durch den Architekten Albert Mehl errichten (das früher rechts vom Zugangsweg zur Schule stand und 1985 abgebrochen wurde). Eine Fotografie jener Zeit zeigt eines der Gebäude mit vergitterten Fenstern, offenbar zur Unterbringung gefährlicher oder selbstmordgefährdeter Patientinnen. Für Dr. Leonhardt selbst entstand eine Villa in der Dianastraße 17-18.

Das heutige (vordere) "Grüne Haus" früher: Restaurant "Hubertusbad"; Fürst-Bismarck-Str 11-14; (Poststempel 1908)

Ein Stück weiter führte der Wirt Wilhelm Grosjean (später Robert Junghans) in der von der Dianastraße abgehenden (jetzigen) Fürst-Bismarck-Straße 11-14 das Restaurant "Hubertusbad". Hier hatte 1891 Rudolf Protz ein Gaststätten- und Wohnhaus sowie eine Badeanstalt errichten lassen. Die hölzernen Badekabinen waren beiderseits von zwei kleinen künstlichen, mit Wasser des nahen Fließes gespeisten Badebecken umgeben, getrennt für Damen und Herren. Das Bad wurde noch vor 1910 aufgegeben, aber die Gaststätte bestand bis Mitte der 1930er Jahre weiter. Der Restaurationsgarten war ursprünglich mit Grotten und Birkenlauben geschmückt, und auf dem Fließ konnte man mit Spreewaldkähnen Bootspartien unternehmen.

Mietwohnhaus "Bismarck-Ecke" links (Dianastr 22) und Häuser Fürst-Bismarckstraße 20, 17-18 und 16; in der Mitte Bismarck-Gedenkstein an der Eiche (Poststempel 1913)

1902 errichtete der Bauunternehmer Franz Weickert auf seinem Grundstück Dianastraße 22 ein Mietwohnhaus, das der Architekt Ernst Busse in Jugenstilformen entworfen hatte. Das Haus wurde "Zur-Bismarck-Ecke" genannt, weil es an der Ecke der Fürst-Bismarck-Straße und nahe der Bismarckeiche stand. Im zweiten Geschoß befand sich in einer Nische bis 1945 ein Standbild des Reichskanzlers Otto von Bismarck oberhalb einer Tafel mit den Worten: "Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt".

S-Bahnhof Waidmannslust mit Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 68 (um 1930)

Quelle: Auszüge aus: Klaus Schlickeiser: Waidmannslust - Vom Wirtshaus zum Ortsteil Reinickendorfs
Berlin 2000