Schwester Walburga

Schwester Walburga

44 Jahre an der Salvatorschule
Die Schulleiterin der Oberschule nimmt Abschied
- Schülerin, Referendarin, Lehrerin, Schulleiterin -


50 Jahre Salvator-Schule, davon habe ich 44 Jahre "life" miterlebt. Salvator-Schule: Dabei liegt die Betonung gleicherweise auf Schule und Salvator, dem Heil, dem Heiland. Denn das Leben war - und ist - für mich Er, der schon vom Namen her unlösbar mit der Schule verbunden ist, und so mir - ich hoffe auch vielen anderen - Heil gebracht hat und bringt. Vielleicht bin ich deshalb so tief mit der Schule verbunden, weswegen der Abschied von ihr mir nicht leicht fällt. Nicht nur von der Sicht der Schulleitung kenne ich unsere Schule, sondern ich sehe sie auch unter anderen Aspekten.

Zuerst - von 1953 bis 1955 - ging ich als Schülerin in die Salvatorschule. Ich gehörte zu den 17 Schülerinnen, die das zweite Abitur an unserer Schule ablegten (1954 fand das erste Abitur statt). Ich erinnere mich noch gut, daß wir alle in den vier Kernfächern Deutsch, Englisch, Französisch und Mathematik eine schriftliche Abiturarbeit anfertigen mußten. Bei einem schlechteren Ergebnis als ausreichend wurde zusätzlich eine mündliche Prüfung angesetzt. Herr Ziegra als Mathematiklehrer hatte bei unserem mündlichen Abitur eine Rekordzahl an Prüfungen zu bewältigen, weil die meisten meiner Klassenkameradinnen den Unterricht bei dem jungen, noch unverheirateten Mathematiklehrer absolut nicht ernst genommen hatten. Die mündliche Abiturprüfung fand an zwei Tagen mit zwei Prüfungsvorsitzenden statt, außerdem waren alle Lehrer bei jeder Prüfung anwesend. Eine Befreiung vom "Mündlichen" gab es nicht, man erfuhr auch erst am Prüfungstag, in welchem Fach man geprüft wurde. Ich wurde für Physik ausgewählt, weil ich, wie mir Herr Ziegra später verriet, seine aufmerksamste Schülerin gewesen sei.

Nach meinem Biologie- und Chemiestudium an der Freien Universität Berlin kam ich als Referendarin an die Salvatorschule zurück. Ohne Schonzeit wurde ich gleich als Vollkraft für die erkrankte Schwester Gertraudis eingesetzt und mußte nicht nur meine eigenen Fächer, sondern auch Mathematik, Erdkunde und Geschichte unterrichten. Außerdem wurde ich sofort Klassenlehrerin einer 6. Klasse mit über 50 Schülerinnen. So blieb mir nicht viel Zeit für die Vorbereitung zur 2. Lehrerprüfung, die ich im Sommer 1964 ablegen konnte.

Unter ziemlich primitiven Verhältnissen, an die manche ehemaligen Schüler sich gewiß aus eigener Erfahrung gut erinnern können, mußte ich versuchen, die Schüler für meine Fächer Biologie und Chemie zu interessieren und zu begeistern. Da es nur einen armselig ausgestatteten Fachraum ohne Abzug gab, wurden viele Experimente im Freien ausgeführt, genau unter den Fenstern des Lehrerzimmers. Bei ungünstigen Windverhältnissen bekamen die Kollegen eine Kostprobe von "stinkenden" Gasen, was mir oft berechtigten Ärger einbrachte. Hilfe für den theoretischen Biologieunterricht waren vielleicht Exkursionen ins benachbarte Fließtal und die praktische Arbeit der Schüler bei der Gestaltung der Gartenanlage. Dies hatte sogleich den Vorteil, daß, weil von Schülern gemacht, unser Garten geschont und nicht zertrampelt wurde, und wir häufig Preise erhielten.

Während meiner Schulzeit erlebte ich die verschiedenen Schulleiter: Schwester Luminosa, Schwester Eremberta, Schwester Longina, Herrn Ziegra - als 1964 eine Grundschule angegliedert wurde, kam Schwester Felizitas aus der Mädchenrealschule in Horrem nach Berlin und übernahm die Leitung der Grundschule bis auf den heutigen Tag. Ihrem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, daß die Grundschule weiter ausgebaut wurde und im nördlichen Berlin so begehrt ist, daß nicht alle Schüler aufgenommen werden können, die die Schule besuchen möchten. So ist die Grundschule auch die "Quelle", aus der die Oberschule "gespeist" wird.

Als ich 1985 mit der Schulleitung der Oberschule betraut wurde, konnte ich von meinen Vorgängern all das "übernehmen", was mir Eindruck gemacht hatte und was mir vorbildhaft erschienen war. Mein Wunschziel war - aus dem anfangs Gesagten verständlich - den naturwissenschaftlichen Bereich auf einen modernen Stand zu bringen. Zusammen mit allen Fachkollegen entwickelten wir Wunschpläne, ließen uns von Fachleuten beraten und machten Schulbesichtigungen, um ein optimales Konzept zu entwerfen, das dann tatsächlich von unserem Schulträger realisiert werden konnte. Ohne den naturwissenschaftlichen Neubau wäre unser Gymnasium heute nicht mehr "lebensfähig". Gemeinsam mit Schwester Judith war es ebenso unser Anliegen, den musischen Bereich aufzuwerten, weil wir der Überzeugung waren und sind, daß zur ganzheitlichen Erziehung die musischen Fächer eine wichtige Rolle spielen. Bis heute machen wir uns Gedanken darüber, wie wir diesbezüglich an unserer Schule noch einen weiteren Schwerpunkt setzen können. Hauptanliegen aber war mir immer - angeregt durch das Beispiel unserer Schwester Luminosa und unseres Herrn Pfarrer Wiesingers, den Pionieren unserer Schule - die christliche Prägung nicht nur zu erhalten, sondern sie noch mehr zum Ausdruck zu bringen. Möglichkeiten dazu sah ich in einem guten menschlichen Arbeitsklima, in dem Lehrer und Schüler sich wohlfühlten, in guter Zusammenarbeit mit den Eltern, Sekretärinnen und Hausmeistern, wie in ständiger Gesprächsbereitschaft für alle, die mit einem Anliegen kamen; ebenso im Kontakt zu ehemaligen Schülerinnen und Schülern, die ich aufgrund meiner langen Verbundenheit mit der Schule fast alle kenne. Zugleich fanden sich Möglichkeiten zur Stärkung des christlichen Charakters der Schule in der Mithilfe beim Aufbau einer christlichen Jugendarbeit, der GCL (Gemeinschaft christlichen Lebens). Wieweit mir gelungen ist, was ich mir vorgenommen hatte, weiß ich nicht. Das aber, was gelingen konnte und was unserer Schule einen guten Ruf verschafft hat, muß ich neben der Gnade Gottes meinen Kolleginnen und Kollegen, allen weiteren Mitarbeitern sowie den Eltern, besonders den Schulelternvertretern, danken.

An dieser Stelle gilt auch ein besonderer Dank den vielen Müttern, die ehrenamtlich und mit großem Engagement in der Cafeteria für das leibliche Wohl der Schüler sorgen.

Es war für mich täglich neu eine Freude und "liebe Last", in die Schule zu gehen und den Überraschungen des Schulalltags entgegenzusehen. Aufgrund des guten Arbeitsklimas, der Wärme, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ich von allen Mitarbeitern erfahren durfte, wurden auch trübe Tage hell.

Aus dem Angeführten ist leicht zu ersehen, wie ich mit Leib und Seele in der Schule lebte, wie sehr ich mit ihr verbunden war und bin. Deshalb möchte ich auch nach der Verabschiedung in der Nähe bleiben, um weiterhin zu versuchen "heilzumachen", Ihn, den Salvator, zu bringen, wenn jemand kommt, der Hilfe braucht. Ich möchte auch als Anlaufstelle für Ehemalige hier sein und mich vielleicht um Schüler kümmern, die Hilfe nötig haben. Insofern ist der Abschied nicht endgültig - , ein Trostpflaster bleibt.

Sr. Walburga Remes